Sprachbildung im Alltag 8 Min. Lesezeit

Von der dritten Person zum Ich: Illeismus in der pädagogischen Beziehung

„Die Erzieherin holt jetzt die Jacke." – In Krippe und Kindergarten ist diese Sprechweise verbreitet. Pädagogische Fachkräfte sich, als wären sie eine andere Person. Dieses Phänomen heißt : Sprechen über die eigene Person in der dritten Person Singular. In vielen Kitas fällt es kaum auf – hier wird der Blick darauf geschärft. Hinter dieser Sprechweise steht mehr als Gewohnheit. Für sehr junge Kinder kann sie eine sprachliche Stütze sein. Unreflektiert über das Kleinkindalter hinaus eingesetzt, kann sie die pädagogische Beziehung belasten. Der Beitrag beschreibt, wann Illeismus als bewusstes Werkzeug sinnvoll ist, ab wann er die Beziehung eher beeinträchtigt und wie der Übergang zur Ich-Kommunikation gestaltet wird. Ziel ist professionelle des eigenen Sprachverhaltens und seiner Funktion für das Gegenüber.

Von Udo Elfert
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Was Illeismus ist – und warum er in der Frühpädagogik diskutiert wird

Illeismus bezeichnet das Phänomen, bei dem eine sprechende Person sich selbst nicht mit „ich", sondern mit dem eigenen Namen oder einer Bezeichnung in der dritten Person benennt. Im pädagogischen Alltag klingt das etwa so: „Die Jana hilft dir jetzt" oder „Der Thomas macht das Licht an." Gemeint ist die sprechende Person, jedoch ohne Ich-Form.

In Fachkreisen ist dieser Kommunikationsstil umstritten. Ein Argument betont Erleichterung im frühen Spracherwerb; ein anderes die Gefahr emotionaler Distanz, die einer persönlichen Beziehung im Weg steht. Beide Positionen beziehen sich auf unterschiedliche Alters- und Entwicklungsphasen und markieren den Kern eines professionellen Umgangs mit Illeismus.

Maßgeblich ist der Unterschied zwischen Gewohnheit und bewusstem Einsatz. Häufig wird Illeismus aus Teamtraditionen oder Ausbildungspraxis übernommen, ohne Prüfung. Professionelle Sprachbildung setzt am eigenen Sprachverhalten an.

Deiktische Pronomen – eine echte kognitive Herausforderung für Kleinstkinder

Warum Illeismus für sehr junge Kinder nützlich sein kann, zeigt ein Blick auf Personalpronomen. – Wörter wie „ich", „du", „er", „sie", deren Bedeutung je nach Sprechsituation wechselt – gehören zu den komplexesten Elementen jeder Sprache.

„Ich" bezeichnet die sprechende Person, „du" die adressierte. Kinder hören, dass die Fachkraft sich „ich" nennt, werden von ihr aber „du" genannt und bezeichnen sich selbst oft noch mit dem eigenen Namen: „Lena will Saft." Diese Perspektivwechsel fordern Kinder im zweiten Lebensjahr kognitiv stark.

– das gezielte sprachliche Gerüst im Spracherwerb – setzt hier an. Ersetzt die Fachkraft „Ich gieße jetzt die Pflanzen" durch „Die Sarah gießt jetzt die Pflanzen", wird das perspektivisch gleitende „ich" durch einen festen Referenzpunkt ersetzt. Der Name „Sarah" wird mit der Person verknüpft, das Pronomen entfällt, die kognitive Last sinkt. In diesem Sinne ist Illeismus für Kinder unter etwa 2;6 Jahren als sprachliche Brücke plausibel.

Diese Funktion ist zeitlich begrenzt und entwicklungsbegleitend gedacht, nicht als Dauerzustand.

Die Ich-Entwicklung und ihr zeitlicher Rahmen

Das Personalpronomen „ich" etabliert sich in einem breiten Entwicklungskorridor, häufig zwischen dem 27. und dem 40. Monat – ungefähr zwischen 2;3 und 3;4. Diese Mittelwerte aus eignen sich ausdrücklich nicht für eine klinische Einschätzung einzelner Kinder. Jedes Kind folgt eigenem Tempo.

Der Erwerb von „ich" ist an die Entwicklung eines stabilen Selbstkonzepts gebunden – das wachsende Bewusstsein einer eigenen, abgrenzbaren Person. Wer „ich" sicher verwendet, zeigt zugleich Fortschritte in der Selbstwahrnehmung. Der bekannte Spiegeltest markiert ähnliche Entwicklungsmomente.

Für die Praxis heißt das: Der Illeismus der Fachkraft verläuft synchron zur Sprachentwicklung des Kindes. Mit zunehmender sicherer Ich-Nutzung durch das Kind verliert Illeismus seine Stützfunktion. Ab diesem Zeitpunkt wird die Fachkraft zum sprachlichen Vorbild der Ich-Botschaft – das erfordert die eigene Ich-Form.

Authentizität und Bindung: Warum Ich-Botschaften ab dem Kindergartenalter zählen

Bindungsqualität entsteht auch durch personale, nachvollziehbare Kommunikation – durch erlebte Präsenz der sprechenden Person. „Ich freue mich, dass du heute da bist" hat eine andere Wirkung als „Die Sabine freut sich, dass du heute da bist." Letzteres wirkt wie ein Bezug auf eine dritte Person.

Diese Differenz ist für Kinder ab etwa 3;0 wahrnehmbar. Illeismus kann in diesem Alter Distanz erzeugen. Ich-Botschaften – Aussagen zur eigenen Wahrnehmung, oder Gefühlen – markieren Selbstbezug und machen die Person der Fachkraft erkennbar. „Ich mache mir Sorgen, wenn du so rennst" ist direkter, transparenter und trägt stärker zur Beziehung bei als „Der Thomas findet das gefährlich."

Fachkräfte erfüllen zudem eine sozial-emotionale Vorbildfunktion. Kinder beobachten, wie Erwachsene über sich und andere sprechen. Wird dauerhaft von sich selbst als „die Monika" gesprochen, fehlt ein konsistentes Modell für Ich-Kommunikation. Dieses Modell unterstützt Kinder dabei, eigene Bedürfnisse, Gefühle und Absichten in der Ich-Form zu äußern.

Ein Phasenmodell für den Übergang

Der Wechsel vom Illeismus zur Ich-Kommunikation lässt sich als phasenorientierter, an der Entwicklung der Kinder ausgerichteter Prozess beschreiben.

Frühe Phase (0 bis etwa 2;6): Hier besteht die größte Plausibilität für den unterstützenden Einsatz des Illeismus. Namen statt Pronomen erleichtern die sprachliche Orientierung. – das Kommentieren des eigenen Tuns – profitiert davon, wenn der Name statt „ich" verwendet wird: „Die Lena schraubt den Deckel auf."

Übergangsphase (etwa 2;6 bis 3;6): In diesem Zeitfenster beginnen viele Kinder, „ich" sicher zu nutzen. Die Ich-Form wird schrittweise ausgebaut. Ein gemischtes Sprechen – teils Name, zunehmend „ich" – gestaltet den Übergang. Bei Kindern mit kann die Phase länger dauern; ein langsameres Tempo ist hier besonders sinnvoll.

Konsolidierte Phase (ab etwa 3;6): In dieser Phase dominiert die Ich-Form den Alltag. Illeismus bleibt allenfalls in spezifischen Situationen nützlich – etwa zur Klarheit in der Gruppe, wenn mehrere Erwachsene anwesend sind und erkennbar sein muss, wer was tut: „Die Karin geht jetzt zur Tür, ich bleibe bei euch." Die Namensnennung dient der situativen Orientierung, nicht der Kompensation einer Pronomen-Hürde.

Besondere Situation: Kinder mit Deutsch als Zweitsprache

Für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache stellt das Pronominalsystem eine zusätzliche Herausforderung dar. Viele organisieren Höflichkeit, Nähe und Selbstbezug anders als das Deutsche. Das Pronomen „ich" ist keine universelle Kategorie.

In mehrsprachigen Gruppen kann Illeismus in der Übergangsphase als Ankerhilfe genutzt werden – bei gleichzeitig klarem Ziel der Ich-Form im Deutschen. Ein länger andauernder Selbstbezug über den Eigennamen kann auf den Einfluss einer anderen Sprache hinweisen – ein Beobachtungsanlass, kein Besorgnisanlass.

Kultursensible Sprachbildung bedeutet hier: Ressource anerkennen und ein klares gestalten, ohne die Vielfalt der Hintergründe zu übergehen. Konsequente Ich-Form der Fachkraft bietet ein verlässliches Modell – auch für Kinder, die mit verschiedenen Sprachen aufwachsen.

Professionelle Reflexion im Team

Illeismus ist selten eine bewusste Entscheidung; häufig entsteht er durch , kollegiale Praxis oder tradierte Routinen. Seine Bearbeitung erfolgt im Team.

Folgende Fragen können dabei helfen:

  • Wie spreche ich in der Krippe und im Kindergarten von mir selbst?
  • Passe ich meine Sprechweise an das Alter und den der Kinder an?
  • Gibt es in meiner Gruppe Kinder, die gerade beginnen, „ich" zu verwenden – und wie antworten wir als Team darauf?
  • Verwende ich Illeismus aus Überzeugung oder aus Gewohnheit?

Kitaleitungen können solche Reflexionen in Teamsitzungen oder Fallgesprächen einbetten. Hospitationen, bei denen eine Kollegin gezielt auf Pronomenverwendung achtet, sind ein niedrigschwelliger Einstieg. Im Vordergrund steht gemeinsame Wahrnehmung, nicht Bewertung.

Der Übergang vom Illeismus zur Ich-Kommunikation ist kein Wendepunkt, den man einmalig vollzieht. Er ist ein Prozess, der Aufmerksamkeit, Flexibilität und die Bereitschaft erfordert, das eigene Sprechen regelmäßig zu prüfen. Leitend ist weniger die Dichotomie „richtig oder falsch", sondern die Frage, welches sprachliche Angebot ein Kind in einer konkreten Situation benötigt – und welches die pädagogische Beziehung benötigt, die aufgebaut werden soll.