Mehrsprachigkeit & Vielfalt 6 Min. Lesezeit

Abschied vom Mythos „Nur Deutsch“: Mehrsprachigkeit als Ressource

In manchen Kitas hängt noch immer der Grundsatz: „Hier sprechen wir nur Deutsch." Er dient häufig als Signal, den Deutscherwerb von Kindern mit anderen zu unterstützen. Aus sprachdidaktischer Perspektive steht die Logik dieser Regel jedoch dem Erwerbsprozess entgegen: Zweitsprachen werden nicht dadurch erworben, dass die Erstsprache unterbunden wird, sondern weil sie Sicherheit, Denkstrukturen und stützt. beschreibt die Fähigkeit, mit mehr als einer Sprache zu kommunizieren – ob gleichzeitig erworben oder nacheinander. Für viele Kinder in deutschen Kitas ist Deutsch die Zweitsprache, also eine Sprache, zu der sie nach dem zweiten Lebensjahr regelmäßigen Kontakt bekommen haben. Ihre Erstsprache – die Sprache, in der erste Beziehungen geknüpft und erste Bedeutungen aufgebaut wurden – ist kein Hindernis auf dem Weg zu Deutsch, sondern sein Fundament. Dieser zeigt, warum Sprachverbote fachlich überholt sind, was die Erstsprache für Kinder und ihre Familien bedeutet, und wie pädagogische Fachkräfte Deutsch aktiv fördern können, ohne die sprachliche Biografie der Kinder abzuwerten.

Von Udo Elfert
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Woher kommt die Idee, Sprachen zu verbieten?

Die Forderung, in Kitas ausschließlich die Landessprache zu gestatten, ist international verbreitet. Sie hat Wurzeln in der amerikanischen „English-Only"-Bewegung, die im 20. Jahrhundert politischen Druck auf Einwanderer ausübte, Englisch als einzige öffentliche Sprache anzuerkennen. Dieses Konzept war weniger sprachdidaktisch als politisch motiviert.

Was damals als nationale Integrationspolitik angelegt war, wirkt mancherorts als pädagogische Strategie nach. In Deutschland hat sich dafür der Begriff Sprachtotalitarismus eingebürgert – gemeint ist eine , die eine einzige Sprache zum ausschließlichen Kommunikationsmittel erklärt und alle anderen aus dem pädagogischen Raum verdrängt. Pädagogisch relevant sind hingegen Entwicklungsbedingungen: Kinder befinden sich im Entwicklungsprozess; sprachliche Sicherheit ist Voraussetzung für .

Fachkräfte, die unter einer solchen Vorgabe arbeiten, geraten zudem in einen praktischen Widerspruch: Ein Kind, das im Morgenkreis weinend nach seiner Bezugsperson ruft, benötigt in diesem Moment keine Sprachkorrektur. Erforderlich sind Verstehen und Resonanz – am unmittelbarsten in der Sprache, die es am besten kennt.

Die Erstsprache als Fundament – nicht als Konkurrenz

Ein einprägsames Bild für den Zusammenhang zwischen Erst- und Zweitsprache liefert das sogenannte Eisberg-Modell. Es veranschaulicht, dass zwei Sprachen an der Oberfläche getrennt erscheinen – unterschiedliche Wörter, unterschiedliche Klänge – aber auf einer gemeinsamen kognitiven aufruhen. Konzepte, Bedeutungen, logische Verknüpfungen und Denkoperationen werden nicht für jede Sprache neu aufgebaut. Was in der Erstsprache verstanden wurde, steht beim Erwerb der Zweitsprache zur Verfügung.

Konkret heißt das: Ein Kind, das in seiner Erstsprache Geschichten versteht, Fragen stellt und über vergangene Ereignisse spricht, bringt damit eine kognitive Grundlage mit, die den Deutscherwerb trägt. Wird ein Kind in seiner Erstsprache verunsichert oder zum Schweigen gebracht, geht genau diese Grundlage verloren.

Die Erstsprache zu fördern – oder zumindest zu schützen – ist keine Ablenkung von der Aufgabe der Sprachbildung, sondern Teil davon.

Was auf dem Spiel steht: Bindung, Identität und Lernen

Die Sprache, in der ein Kind zuerst geliebt, getröstet und gewiegt wurde, trägt eine besondere emotionale Qualität. Sie wird manchmal als bezeichnet – die Sprache, in der tiefe Gefühle unmittelbar zugänglich sind und in der Eltern mit ihren Kindern authentisch kommunizieren. Für viele Familien mit Migrationsgeschichte ist dies nicht Deutsch.

Wenn eine Kita Sprachverbote ausspricht oder elterliche Kommunikation in der als störend bewertet, signalisiert sie: Diese Sprache gehört nicht dazu. Die Auswirkungen reichen weit. Eltern, die sich in der Kita sprachlich zurücknehmen, ziehen sich aus der zurück. Kinder nehmen wahr, wenn ihre familiäre Sprache nicht willkommen ist – und damit auch ein Teil ihrer Identität.

Sprachverbote hemmen die Lernmotivation. Lernen unter Druck verläuft anders als Lernen unter Anerkennung. Eine Kita, die Mehrsprachigkeit als Ressource behandelt, schafft Bedingungen, unter denen Kinder Deutsch entdecken wollen – nicht, weil die Alternative verboten ist, sondern weil Deutsch in dieser Gemeinschaft alltagsrelevant ist.

Sprachmischungen verstehen, nicht bekämpfen

Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, wechseln manchmal mitten im Satz die Sprache. Dieses – der bewusste oder situative Wechsel zwischen zwei Sprachen innerhalb einer Kommunikationssituation – ist kein Zeichen von Verwirrung, sondern eine kommunikative Strategie. Kinder greifen auf das zurück, was in diesem Moment verfügbar und präzise ist.

Code-Switching muss nicht imitiert werden, sollte aber als Kompetenz eingeordnet werden. Wenn ein Kind sagt: „Das ist mein Buch – benim" und damit auf den Besitz hinweist, wurde etwas ausgedrückt. Eine angemessene Antwort greift den Inhalt auf: „Ja, das ist dein Buch!" – ohne das Switching zu thematisieren oder zu korrigieren.

Wer Code-Switching als Fehler bewertet, unterschätzt die sprachliche Flexibilität mehrsprachiger Kinder und vergibt eine Gelegenheit zum Dialog.

Deutsch fördern – aber wie?

Die Absage an Sprachverbote bedeutet nicht, dass Deutsch in der Kita keine besondere Rolle spielt. Sie bedeutet, dass der Weg zu Deutsch zugänglich gestaltet wird. In Gruppen mit hohem Anteil an Kindern, die erwerben, kann Deutsch als gemeinsame gesetzt werden – als das sprachliche Medium, das alle verbindet, ohne andere Sprachen zu verdrängen.

Wirksam sind Rituale mit klaren Strukturen, in denen Deutsch präsent wird: der Morgenkreis mit Liedern und Reimen, gemeinsame Mahlzeiten mit festen Gesprächsimpulsen, kleine mit vertrauten Handlungsabläufen. Diese Formate geben DaZ-Kindern Vorhersehbarkeit und damit sprachliche Handlungssicherheit.

Mehrsprachige Fachkräfte im Team sind in diesem Zusammenhang keine Ersatzlösung, sondern eine Ressource. Sie können Bedeutungen brücken, in Notsituationen beruhigen und zeigen Familien, dass ihre Sprache in dieser Einrichtung einen Platz hat. Gleichzeitig unterstützen sie Kinder darin, sprachliche Trennungen allmählich zu erleben – etwa wenn eine Fachkraft konsequent eine Sprache spricht und eine andere konsequent eine andere. Das Prinzip „" hilft Kindern, Sprachen situativ zuzuordnen, ohne eine davon aufzugeben.

Mehrsprachigkeit ist kein Problem, das pädagogische Fachkräfte lösen müssen. Sie ist eine Wirklichkeit, die gestaltet werden kann – und eine Chance für alle Kinder in der Gruppe, früh zu erleben, dass Sprachen verschieden klingen und die Welt trotzdem zusammenhält. Welche ersten konkreten Schritte bieten sich in einer Einrichtung an, um Mehrsprachigkeit von einer Duldung zu einem sichtbaren Teil des Alltags zu machen?