Was menschliche Kommunikation auszeichnet
Menschen teilen Aufmerksamkeit; dies ist nicht selbstverständlich. Tiere kommunizieren über Signale: Sie warnen, locken, drohen. Diese Signale sind funktional und teils hochkomplex, verweisen jedoch nicht gemeinsam auf eine dritte Sache in der Welt. Ein Papagei kann Wörter imitieren — er verfügt über ausreichende Gehirnkapazität und Stimmapparat dafür. Es fehlt die Absicht, jemandem etwas zu zeigen, also die Welt mit einer anderen Person zu teilen.
Hier liegt der Unterschied: Menschliche Kommunikation ist auf ausgerichtet. Dieses Merkmal ist nicht kulturell erworben, sondern in der menschlichen Entwicklungsgeschichte verankert — sowohl in der Geschichte der Art als auch im individuellen Aufwachsen jedes Kindes. Blickkontakt und Zeigegeste sind die beiden nonverbalen Kompetenzen, über die sich zunächst zeigt.
Blickkontakt: Die erste nonverbale Brücke
Blickkontakt ist die früheste allgemeine nonverbale Kompetenz eines Kindes. Bereits in den ersten Lebenswochen suchen Säuglinge aktiv Augenkontakt mit vertrauten Personen. Dieser Blick ist kein Wahrnehmen — er fordert eine Reaktion heraus. Das Kind wendet sich zu, hält den Blick und prüft die Verfügbarkeit der Bezugsperson.
Durch die Erfahrung, dass der eigene Blick Resonanz erzeugt, wird der Grundstein für spätere Dialogformen gelegt. Wird der Blick eines Kindes aufgenommen — etwa durch Nicken, Lächeln oder Sprache —, wird bestätigt: Signale werden gesehen und beantwortet. So entsteht ein kommunikatives Selbstverständnis.
Für die Praxis gilt: Augenhöhe bezeichnet hier eine räumliche Anforderung. Durch Sitzen auf dem Boden, die Höhe einer Wickelunterlage oder eine seitliche Position neben dem Kind entsteht die körperliche Voraussetzung für wechselseitigen Blickkontakt.
Die Zeigegeste: Erste deiktische Kompetenz
Die Zeigegeste ist mehr als ein motorischer Akt. Sie ist die erste deiktische Kompetenz des Kindes — die Fähigkeit, mit einem körperlichen Mittel auf etwas in der Welt zu verweisen und damit eine andere Person auf dieses Etwas hinzulenken. „Deiktisch" stammt aus dem Griechischen und bedeutet sinngemäß „auf etwas hinweisend".
Kinder entwickeln diese Geste in der Regel gegen Ende des ersten Lebensjahres. Häufig werden zunächst berührt oder gegriffen — dann zeigt sich, dass der ausgestreckte Zeigefinger allein genügt, um Aufmerksamkeit zu lenken. Dabei werden zwei Intentionen verbunden: etwas Wahrgenommenes zeigen und eine Reaktion der Bezugsperson einholen.
Die Zeigegeste steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Erwerb erster Wörter. Wenn ein Kind auf einen Ball zeigt und dabei „da" äußert, verbindet es Geste und Laut zu einem kommunikativen Akt. Geht die pädagogische Fachkraft darauf ein — „Ja, da ist der Ball! Der rote Ball rollt weg!" —, entsteht genau das sprachliche Material, das das Kind in diesem Moment aufnehmen kann.
Triangulärer Blickkontakt: Das Aufmerksamkeits-Dreieck
Wenn Blickkontakt und Zeigegeste zusammenwirken, entsteht . Ein Kind bewegt seinen Blick zwischen einem Objekt und einer Bezugsperson hin und her — und prüft, ob beide dasselbe wahrnehmen. Dieses Dreieck aus Kind, Bezugsperson und Objekt bildet den Kern geteilter Aufmerksamkeit.
Diese Kompetenz entwickelt sich in der Regel im zweiten Lebenshalbjahr und verfeinert sich im zweiten Lebensjahr. Damit erfolgt ein qualitativer Sprung: Das Kind ist nicht mehr allein mit dem Objekt — es lädt eine Person ein, es mitzuerleben.
Für pädagogische Fachkräfte ist dies ein bedeutsames Signal. Wenn ein Kind wiederholt zwischen Gegenstand und Gesicht der Bezugsperson hin- und herschaut, wird Beteiligung gesucht. In diesem Moment steht keine Instruktion im Vordergrund, sondern eine — eine Reaktion, die das Erleben aufgreift und sprachlich begleitet. „Oh, du hast den Käfer entdeckt! Schau mal, der krabbelt auf das Blatt." Die Formulierung muss nicht sein. Die Response sollte zeitnah erfolgen, zum Anliegen passen und freundlich zugewandt sein.
Was nonverbale Sensibilität im Alltag leisten kann
Ob Blickkontakt und Zeigegeste ihre entwicklungsfördernde Wirkung entfalten, hängt von der ab. Nonverbale Sensibilität beschreibt die Fähigkeit pädagogischer Fachkräfte, körperliche Signale von Kindern wahrzunehmen und darauf angemessen zu reagieren — bereits dann, wenn ein Kind schaut oder zeigt.
Folgende und Handlungen unterstützen diese Sensibilität im Kita-Alltag:
- Augenhöhe einnehmen: körperlich auf die Ebene des Kindes wechseln, Blickkontakt auf gleicher Höhe ermöglichen
- Blicke aktiv wahrnehmen: nicht nur auf Laute oder Worte warten, sondern registrieren, wohin ein Kind schaut und worauf es zeigt
- Zeigegesten beantworten: sprachlich aufgreifen, was das Kind mit seiner Geste meint — auch ohne begleitendes Wort
- Zeit lassen: eine kurze Pause vor der Antwort lassen; so entsteht eine dialogische Struktur
- einsetzen: ein freundlicher, offener Gesichtsausdruck signalisiert dem Kind, dass sein Signal willkommen ist
Ein Praxisbeispiel: Ein Kind im Alter von etwa 1;4 Jahren sitzt auf dem Boden und zeigt auf einen Ball in der Ecke. Es schaut zur pädagogischen Fachkraft, dann wieder zum Ball. Die Fachkraft folgt dem Blick, benennt den Ball, rollt ihn zum Kind und kommentiert die Situation ruhig und klar. In diesem kurzen Moment sind alle Elemente enthalten: Blickkontakt, Zeigegeste, trianguläre Aufmerksamkeit und eine passende Response. Die Sequenz dauert etwa zwanzig Sekunden und ist sprachbildungswirksam.
Grenzen der pädagogischen Einschätzung
Wenn Kinder über einen längeren Zeitraum kaum Blickkontakt aufnehmen, auf Zeigegesten nicht reagieren oder selbst nicht zeigen, ist dies ein Beobachtungsanlass. Pädagogische Fachkräfte dokumentieren solche sorgfältig und besprechen sie im Team sowie mit den Eltern. Die Einschätzung, ob eine Abklärung durch eine medizinische Fachperson sinnvoll ist, liegt außerhalb des pädagogischen Auftrags. Beobachtung und bleiben getrennte Aufgabenbereiche.
Das gilt auch in die andere Richtung: Für Kinder, die sehr früh und lebhaft zeigen und Blickkontakt suchen, steht keine gezielte Förderung im technischen Sinn im Vordergrund, sondern verlässliche Gesprächspartner, die antworten.
Welche Situationen im Alltag bieten besonders gute Gelegenheiten, auf die Blicke und Gesten der Kinder einzugehen — und welche Rahmenbedingungen erschweren das aktuell?
