Erstsprache und Zweitsprache: Zwei Begriffe, die präzise Anwendung brauchen
Die Erstsprache, auch Muttersprache, bezeichnet die Sprache oder Sprachen, mit denen ein Kind von Beginn an aufwächst und die im familiären oder sozialen Umfeld erworben werden. Ein Kind kann mehr als eine Erstsprache haben: Bei regelmäßigem, intensivem Kontakt mit zwei Sprachen von Geburt an werden beide als Erstsprachen erworben.
Die Zweitsprache tritt zeitlich versetzt hinzu. Sie wird erworben, wenn der Spracherwerb in der Erstsprache bereits begonnen hat und eine Grundstruktur besteht. Maßgeblich ist nicht das Ende des Spracherwerbs, sondern ein fachlich definierter Zeitpunkt, der simultane von sukzessiven Erwerbsprozessen abgrenzt.
Die Begriffe bezeichnen den zeitlichen Verlauf des Spracherwerbs. Eine sachliche Einordnung unterstützt Team- und Elterngespräche.
Simultaner Mehrspracherwerb: Zwei Sprachen von Anfang an
Beim , auch primärer Bilingualismus, wächst ein Kind von Geburt an mit zwei oder mehr Sprachen auf. Beide Sprachen werden im frühen Zeitfenster aufgebaut; beide Sprachsysteme entstehen als gleichwertige Erstsprachen.
Dieser Erwerbstyp liegt vor, wenn die familiäre oder soziale Umgebung von Beginn an mehrsprachig ist, etwa wenn Elternteile verschiedene Sprachen sprechen und beide regelmäßig und intensiv weitergeben. Auch ein sehr früher Wechsel in eine anderssprachige Betreuungsumgebung kann dazu führen, sofern er vor dem zweiten Geburtstag erfolgt.
Frühe Äußerungen simultaner Mehrsprachiger enthalten bisweilen Mischungen beider Sprachen. Dies ist ein typisches Merkmal früher und differenziert sich im Verlauf.
Sukzessiver Mehrspracherwerb: Die Zweitsprache tritt hinzu
Beim , auch sekundärer Bilingualismus, ist zunächst eine Erstsprache aufgebaut; erst danach erfolgt intensiver Kontakt mit einer weiteren Sprache. Fachliche Schwelle: Beginnt dieser intensive Kontakt nach dem zweiten Geburtstag, liegt vor.
Beispiel: Ein Kind, das mit 3;0 in die Kita kommt und dort erstmals regelmäßig Deutsch hört und spricht, erwirbt . Die Erstsprache, etwa Arabisch oder Türkisch, ist bereits strukturell angelegt; beim Aufbau der Zweitsprache wird auf dieses Fundament zurückgegriffen.
Viele Kinder wachsen auf diesem Weg mehrsprachig auf und entwickeln differenzierte sprachliche Kompetenzen. Erforderlich ist eine pädagogische Begleitung, die auf diesen Erwerbstyp abgestimmt ist.
Die 24-Monate-Grenze im Detail
Das Kriterium des 24. Lebensmonats bestimmt die Einordnung als weitere Erstsprache oder als Zweitsprache. Es gilt: Beginnt intensiver und regelmäßiger Kontakt mit einer weiteren Sprache vor dem zweiten Geburtstag, zählt sie als weitere Erstsprache; beginnt er danach, zählt sie als Zweitsprache.
Entscheidend ist die Intensität. Gelegentlicher Kontakt, etwa durch sporadische Besuche bei Verwandten, genügt nicht für Erstsprachstatus. Maßgeblich ist eine beständige, alltagsintegrierte Begegnung, die den Aufbau des Sprachsystems ermöglicht.
Ein konkretes Beispiel: Ein Kind tritt im Alter von 1;6 in eine Krippe ein, in der ausschließlich oder überwiegend Deutsch gesprochen wird. Zu Hause sprechen die Eltern eine andere Sprache. Da der intensive Kontakt mit Deutsch vor dem zweiten Geburtstag beginnt, erwirbt das Kind Deutsch als weitere Erstsprache, nicht als Zweitsprache. Die fachliche Zuordnung wäre hier: simultaner Mehrspracherwerb, auch wenn die häusliche Sprache und die Krippensprache zeitlich versetzt eingeführt wurden.
Umgekehrt: Tritt ein Kind mit 2;3 in die Kita ein und kennt Deutsch bis dahin kaum, beginnt es den Erwerb der deutschen Sprache als Zweitsprache. Beide Verläufe sind entwicklungsbezogen gleichwertig und erfordern unterschiedliche pädagogische Begleitung.
Abgrenzung zur Fremdsprache
Neben Erst- und Zweitsprache gibt es noch einen dritten Typ: die Fremdsprache. Diese tritt erst dann in den Erwerb, wenn der primäre Spracherwerb als weitgehend abgeschlossen gilt. Die Fachliteratur setzt diesen Abschluss je nach Definition unterschiedlich an, in der Regel zwischen dem sechsten und zehnten Geburtstag, in manchen Quellen bis zum zwölften Lebensjahr.
Eine Fremdsprache wird typischerweise nicht in natürlichen Alltagskontexten, sondern in institutionellen oder unterrichtlichen Settings erworben, etwa Englischunterricht in der Grundschule. Das Gehirn greift dabei auf bereits vorhandene Sprachsysteme zurück und nutzt diese als Gerüst. Der Prozess unterscheidet sich neurobiologisch und sprachlich von dem, was in den ersten Lebensjahren geschieht.
Für pädagogische Fachkräfte in Krippe und Kita ist der Fremdsprachbegriff im Alltag selten relevant. Wichtiger ist die Abgrenzung zwischen Erst- und Zweitspracherwerb, weil sie unmittelbar die Einordnung der sprachlichen Biografie eines Kindes beeinflusst.
Bilingualismus und Bilingualität: Prozess und Zustand
Zwei weitere Begriffe tauchen im Fachdiskurs regelmäßig auf und werden häufig verwechselt: Bilingualismus und Bilingualität. Beide beziehen sich auf , jedoch auf unterschiedliche Aspekte.
Bilingualismus beschreibt den Prozess des Erwerbs, also das aktive Aneignen von zwei Sprachen. Bilingualität beschreibt den Zustand, das Ergebnis dieses Prozesses, also das tatsächliche Verfügen über zwei Sprachen in einem bestimmten . Diese Unterscheidung ist vor allem dann relevant, wenn pädagogische Fachkräfte oder Fachberatungen über den Entwicklungsstand eines Kindes sprechen. Es ist zu unterscheiden, ob von einem laufenden bilingualen Erwerbsprozess oder von entwickelter bilingualer Kompetenz die Rede ist.
Im pädagogischen Alltag wird diese Differenzierung nicht immer streng gehandhabt. In , und Fachgesprächen ist eine bewusste Verwendung beider Begriffe sinnvoll, da sie unterschiedliche Perspektiven eröffnen: der Stand des Erwerbs und die Präsenz der Sprachen zu bestimmten Zeitpunkten.
Praxisbezug: Den Erwerbstyp einschätzen
Wenn eine neue Familie in die Einrichtung kommt und das Kind mehrsprachig aufwächst, helfen die folgenden Fragen dabei, den Erwerbstyp zu bestimmen:
- In welchem Alter trat das Kind zum ersten Mal in intensiven Kontakt mit der deutschen Sprache?
- Findet dieser Kontakt regelmäßig und alltagsintegriert statt?
- Welche Sprache oder Sprachen werden zu Hause gesprochen?
- Seit wann besucht das Kind die Einrichtung?
Eine einfache Orientierung: Liegt der Beginn des intensiven deutschen Sprachkontakts vor dem zweiten Geburtstag, gilt dies als simultane Mehrsprachigkeit und damit als Deutsch als weitere Erstsprache. Beginnt der intensive Kontakt danach, handelt es sich um sukzessiven Mehrspracherwerb, also Deutsch als Zweitsprache.
Diese Einordnung hilft dem Team bei der und Begleitung. Sie ersetzt keine logopädische Einschätzung und begründet keine . Sie gibt einen fachlich fundierten Rahmen dafür, wie Sprachentwicklungsbeobachtungen einzuordnen und im Team zu kommunizieren sind. Die Kenntnis des Erwerbstyps ermöglicht eine gezielte Gestaltung der Sprachbegleitung, zum Beispiel durch eine reichhaltige und klar strukturierte sprachliche Umgebung sowie durch geduldige, passende im Dialog, insbesondere im frühen Zweitspracherwerb.
In Einrichtungen werden mitunter Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, als „zweisprachig" bezeichnet, ohne zu prüfen, ob ihr Erwerb simultan oder sukzessiv verläuft. Diese Einordnung beeinflusst die Beobachtungspraxis.
