Bücher, Schrift & Literacy 8 Min. Lesezeit

Die Anlauttabelle als Brücke zur Schule

Viele Kinder kommen in die Kita und verfügen bereits über Vorstellungen zur Schrift. Sie kritzeln mit Stift und Papier und nennen es einen Brief an Oma. Sie tippen auf Tastaturen und nennen es „Schreiben“. Lange bevor ein Kind einen einzigen Buchstaben kennt, wird verstanden, dass Schrift Bedeutung trägt und etwas bewirkt. Dieser frühe Zugang bildet den Ausgangspunkt einer langen Entwicklung, die in der Schule systematisch weitergeführt wird. Pädagogische Fachkräfte in Kitas begleiten diese frühe Phase der Schriftaneignung. Ein konkretes Werkzeug an der Schnittstelle zwischen Kita und Grundschule ist die . Sie ist kein Schulinstrument, das versehentlich in die Kita geraten ist, sondern ein Brückenangebot, sofern Zweck und entwicklungsgerechter Einsatz geklärt sind. Dieser beschreibt, wie sich Kinder auf dem Weg zur Schrift entwickeln, wo die Anlauttabelle in diesem Prozess einzuordnen ist und worauf es im Kita-Alltag ankommt, damit das Instrument seine Wirkung entfalten kann.

Von Udo Elfert
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Wie Kinder zur Schrift finden: vier Phasen im Überblick

Das Modell der Schriftsprachentwicklung, das die britische Kognitionspsychologin Uta Frith in den 1980er Jahren beschrieben hat, unterscheidet vier aufeinander aufbauende Phasen. Für die Kita-Praxis ist die vereinfachte Fassung dieses Modells relevant, auch wenn die Forschung seither viele Differenzierungen hinzugefügt hat.

In der wird die Funktion von Schrift entdeckt. Schreibbewegungen werden imitiert, Bilderbücher werden laut und mit „gelesen“, ohne einen einzigen Buchstaben zu kennen. Dieses So-tun-als-ob ist entwicklungspsychologisch bedeutsam: Es wird verstanden, dass es eine Symbolwelt gibt, auch wenn ihr Code noch nicht beherrscht wird.

In der werden einzelne Schriftzeichen und Wortbilder als Ganzes erkannt – nicht buchstabenweise. Das eigene Namensschild an der Garderobenhacke, der Schriftzug auf einer Cornflakes-Packung, das Logo einer bekannten Bäckerei: All das sind Schriftobjekte, die in dieser Phase zuverlässig wiedererkannt werden, ohne die zugrundeliegenden Laut-Buchstaben-Entsprechungen zu kennen.

Die bezeichnet den Schritt, bei dem erkannt wird, dass Buchstaben für Laute stehen – nicht für Gegenstände, nicht für ganze Wörter. Nach dem Verstehen, dass das „m“ am Anfang von „Mama“ den ersten Laut dieses Wortes abbildet, kann Schrift eigenständig erzeugt werden. In dieser Phase wird häufig lautgetreu geschrieben: „Tiga“ statt „Tiger“, „Muta“ statt „Mutter“. Solche Schreibungen zeigen das angekommene alphabetische Prinzip.

Die orthographische Phase baut darauf auf: Rechtschreibregeln, Wortbausteine und Ausnahmen treten hinzu. Diese Phase beginnt in der Regel in der Grundschule und ist für die Kita nicht das unmittelbare Ziel.

Was eine Anlauttabelle ist und was sie leistet

Eine Anlauttabelle ist eine Hilfsmittel-Tabelle, die jedem Buchstaben des Alphabets ein bekanntes Anlautbild zuordnet. Der – der erste Laut eines Wortes – wird mit dem passenden Buchstaben verbunden. Das Bild einer Ameise steht für das „A“, das Bild eines Mundes für das „M“, das Bild einer Sonne für das „S“. Wer ein Wort schreiben möchte, analysiert es Laut für Laut, sucht im Bild den passenden Anlaut und findet so den zugehörigen Buchstaben.

Diese Buchstabe-Laut-Zuordnung – die systematische Verbindung zwischen einem Schriftzeichen und dem Laut, den es repräsentiert – bildet das Herzstück der alphabetischen Phase. Die Anlauttabelle macht diese Zuordnung sichtbar, handhabbar und selbstständig nutzbar. auf Unterstützung entfallen; die Tabelle kann direkt befragt werden.

Für Kinder, die kurz vor der Einschulung stehen und bereits in der alphabetischen Phase sind oder sich ihr annähern, bietet die Anlauttabelle ein niedrigschwelliges Angebot zur selbstständigen Schriftproduktion. Die steigt, weil lautgetreues Schreiben damit sofort möglich wird. Gleichzeitig liegt die Kompetenzentwicklung beim Kind – die Tabelle gibt Hinweise, schreibt jedoch nichts vor.

Der entscheidende Unterschied: Lautieren statt Benennen

Wenn pädagogische Fachkräfte mit Kindern über Buchstaben sprechen, ist eine scheinbar kleine, aber folgenreiche Entscheidung zentral: Wird der Buchstabe als Laut ausgesprochen – „m“, „s“, „f“ – oder wird sein Buchstabenname genannt – „emm“, „ess“, „eff“?

Diese Frage ist für die Arbeit mit der Anlauttabelle zentral. Wenn ein Kind ein Wort schreiben möchte und dabei gesagt wird: „Das klingt am Anfang wie emm-u-t-ah“, wird die Laut-Schrift-Beziehung verwischt. enthalten oft mehrere Laute. „Emm“ enthält ein „e“ und ein „m“. „Ess“ enthält ein „e“ und ein „s“. Wer im Kopf „ess“ hört, könnte auf den Gedanken kommen, das Wort „Essen“ mit „Sn“ zu schreiben – weil „ess“ und „Essen“ ähnlich klingen und das „n“ von „essen“ noch hinzukommt.

Solche Effekte treten häufig auf. Durch konsequentes Lautieren – die Verwendung des reinen Konsonanten- oder Vokalklangs – werden Irritationen verringert. Lautieren bedeutet, den Buchstaben so auszusprechen, wie er im Wort klingt: ein kurzes, scharfes „m“, ein weiches, fließendes „l“, ein offenes „a“. Dies bildet eine Grundlage dafür, dass die alphabetische Phase gelingt.

Die Anlauttabelle im Kita-Alltag sinnvoll einbinden

Die Anlauttabelle entfaltet ihren Nutzen nicht als Unterrichtsmaterial, sondern als alltagsintegriertes Angebot. Sie liegt auf dem Maltisch bereit, hängt in Sichtweite an einer Wand oder befindet sich in einem kleinen Korb mit Stiften und Papier. Kinder, die neugierig sind, greifen von sich aus danach. Wird beobachtet, dass ein Kind beginnt, Buchstaben oder buchstabenähnliche Zeichen zu verwenden, kann die Tabelle gezielt ins Gespräch gebracht werden – ohne Druck und ohne Korrektur.

Einige praktische Überlegungen:

  • Eine Anlauttabelle mit für die Kindergruppe eindeutigen Anlautbildern verwenden. Das Bild eines Igels für das „I“ unterstützt nur, wenn das Tier bekannt ist.
  • Bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern die Anlautbilder gemeinsam besprechen; Wörter, die auf Deutsch mit einem bestimmten Laut beginnen, klingen in anderen Sprachen möglicherweise anders. Daraus ergibt sich ein Gesprächsanlass.
  • Beim gemeinsamen Blick auf die Tabelle konsequent lautieren. Dies prägt sich ein.
  • Schreibversuche werden nicht gewertet. Ein Kind, das „Hnt“ schreibt und damit „Hund“ meint, hat die alphabetische Logik bereits verstanden.

Schulisches Unterrichten wird dabei nicht vorausgesetzt. Die Anregungen lassen sich in gewöhnliche Situationen einweben: beim , in Projektphasen, beim Basteln von Einladungen oder beim Beschriften selbst gebauter Dinge.

Was die Anlauttabelle nicht leisten soll

Zu unterscheiden ist die entwicklungsbegleitende Nutzung der Anlauttabelle von einer vorschulischen Buchstabentrainierung. Die Tabelle eignet sich für Kinder, die bereits in der alphabetischen Phase ankommen oder sich ihr nähern – also in der Regel im letzten Kita-Jahr, manchmal früher. Für jüngere Kinder, die noch in der präliteral-symbolischen oder logographemischen Phase sind, ist sie noch kein passendes Angebot.

Wenn beobachtet wird, dass ein Kind Buchstaben als Symbole erkennt, aber noch keinen Bezug zu Lauten herstellt, bleibt die Arbeit zunächst in diesem Entwicklungsraum: Bücher gemeinsam betrachten, Namen lesen, Buchstaben in der Umwelt entdecken. Das ist keine Vorstufe, die überwunden werden muss – es handelt sich um eine eigenständige Phase.

Wenn ein Kind Zeichen erzeugt, die lautlich intendiert sind, aber orthographisch nicht der Norm entsprechen, liegt kein Korrekturanlass vor. Es handelt sich um ein Entwicklungszeichen, das beobachtet, benannt und wertgeschätzt werden kann. Diagnostische Einschätzungen oder gezielte Fördermaßnahmen, die über hinausgehen, gehören in den Zuständigkeitsbereich von Fachdiensten.

Brücke zur Grundschule: Kooperation als Qualitätsmerkmal

Die Anlauttabelle ist in deutschen Grundschulen ein weit verbreitetes Instrument. Viele Lehrkräfte setzen sie im Anfangsunterricht ein, damit Kinder bereits von Beginn an eigenständig schreiben können – bevor alle Buchstaben systematisch eingeführt wurden. Wenn Kinder diese Tabelle aus der Kita kennen, steht in der Schule ein vertrautes Werkzeug zur Verfügung.

Voraussetzung ist, dass Kitas und Grundschulen ihr jeweiliges Vorgehen kennen. Ein regelmäßiger Austausch zwischen pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften der Schuleingangsphase klärt, welche Anlauttabellen verwendet werden, wie mit Buchstaben umgegangen wird und welche Erfahrungen Kinder aus dem Kita-Jahr mitbringen. Diese Kooperation geht über reinen Verwaltungsaufwand hinaus und bildet eine inhaltliche Grundlage für einen gelingenden Übergang.

Besonders wichtig ist dabei der gemeinsame Blick auf das Lautieren: Wenn in der Kita lautiert und in der Schule ebenfalls lautiert wird, entsteht Kontinuität. Wenn beide Institutionen unterschiedlich vorgehen, entsteht unnötige Verwirrung. Abgestimmte Praxis ist eine Form von Bildungsqualität.

Bei der nächsten , wie ein Kind Buchstaben auf ein Papier schreibt und dabei murmelt, was gemeint ist: Welche Phase des lässt sich dann erkennen? Und welche erfolgt in diesem Moment?