Was die präliteral-symbolische Phase kennzeichnet
Die Bezeichnung „präliteral" weist darauf hin, dass sich Kinder in dieser Phase noch vor dem eigentlichen Schriftspracherwerb befinden. „Symbolisch" beschreibt die Art, wie sie dabei denken und handeln: Ein Strich, ein Zeichen oder eine Geste wird als Symbol für etwas anderes genutzt – in diesem Fall für Schrift.
Das zentrale Merkmal dieser Phase ist das So-tun-als-ob-Verhalten beim Schreiben. Gemeint ist die von Schreibhandlungen, ohne konventionelle Buchstabenformen zu kennen oder herzustellen. Schreibbewegungen, die bei Erwachsenen beobachtet wurden, werden ausgeführt: von links nach rechts über das Papier, in Wellenlinien, als Reihe von Häkchen oder Kreisen. Das Ergebnis ähnelt Schrift – mit Rhythmus, Richtung und Gestus –, enthält jedoch keine lesbaren Buchstaben.
Erkennbar wird ein frühes Verständnis für die Funktion von Schrift: Schreiben hält fest, teilt mit oder markiert. Dieses Verständnis ist eine kognitive Leistung und bildet eine Grundlage des weiteren Schriftspracherwerbs.
Symbolfunktion als kognitive Grundlage
Das So-tun-als-ob-Schreiben ist eng mit einer Fähigkeit verbunden, die Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr entwickeln: der Symbolfunktion. Symbolfunktion meint die Fähigkeit, ein Zeichen, ein Bild oder eine Geste stellvertretend für einen realen Gegenstand oder eine Bedeutung zu verwenden. Ein Kind, das einen Holzklotz als Telefon benutzt, ein Bild malt und sagt „das bin ich" oder einen Strich auf Papier als „mein Brief" bezeichnet, nutzt Symbole.
Schrift ist ein komplexes Symbolsystem. Die präliteral-symbolische Phase zeigt, dass dieses Prinzip bereits verstanden wurde – noch bevor einzelne Buchstaben bekannt sind oder Laut-Schrift-Beziehungen hergestellt werden. Zeichen auf Papier bedeuten etwas. Dieser Grundgedanke ist eine zentrale Voraussetzung für alles, was später im Schriftspracherwerb folgt.
Im Kita-Alltag zeigt sich die Symbolfunktion beim Schreiben beispielsweise so: Ein Kind schreibt mit einem Stift wellenförmige Linien auf ein Blatt, hält es der pädagogischen Fachkraft hin und sagt: „Ich hab einen Brief für meine Oma geschrieben." Das Kind ist sich bewusst, dass seine Zeichen eine Botschaft tragen – auch wenn es sie selbst nicht wieder lesen kann.
Gekritzel ist kein Zufall
Der Begriff Gekritzel klingt im allgemeinen Sprachgebrauch abwertend, ist es fachlich aber nicht. In der Entwicklung des Schreibens bezeichnet er die ersten motorischen Schreibprodukte von Kindern, die noch keine Buchstabenformen imitieren. Nicht jedes Gekritzel verläuft gleich; bei genauer Betrachtung zeigen sich Muster.
Frühe Gekritzelphasen sind oft kreisförmig und wenig gerichtet. Mit zunehmender Erfahrung und von Schrift entsteht ein Gespür für lineare Strukturen. Striche werden kürzer, regelmäßiger und reihen sich aneinander. Manche Zeichen erinnern entfernt an Buchstaben, ohne es zu sein. Häufig zeigt sich Orientierung an Richtungskonventionen bis hin zum Schreiben „von vorne bis hinten über die Seite".
Diese Entwicklung stellt kein schulisches Lernziel des Vorschulalters dar. Sie entsteht durch Nachahmung, durch Erfahrung mit Schrift in der Umgebung und durch das Bereitstellen von Materialien und Gelegenheiten. Pädagogische Fachkräfte können diese Entwicklung beobachten und dokumentieren – als Beobachtungsanlass für sprachliche und ; eine Leistungsmessung ist damit nicht verbunden.
So-tun-als-ob-Schreiben im Alltag erkennen
So-tun-als-ob-Schreiben taucht an vielen Stellen im Kita-Alltag auf – explizit oder beiläufig. Kinder, die beim „Einkaufszettel schreiben", in der Bauecke Schilder aufstellen oder in einem Notizbuch Zeichen hinterlassen, befinden sich mitten in dieser Phase. Sie bilden ab, was Schrift in ihrer Lebenswelt bedeutet: Einkaufslisten, Namensschilder, Briefe, Rezepte, Notizen.
Beobachtbare Hinweise auf die präliteral-symbolische Phase sind zum Beispiel:
- Das Kind führt Schreibbewegungen aus und benennt das Ergebnis als Schrift oder .
- Es orientiert sich an einer Richtung (häufig von links nach rechts).
- Es unterscheidet zwischen „Malen" und „Schreiben" und ordnet sein Tun bewusst der Kategorie Schreiben zu.
- Es verleiht seinen Zeichen eine Bedeutung, auch wenn es sie nachher nicht mehr rekonstruieren kann.
- Es bittet Erwachsene, etwas zu schreiben, und beobachtet den Schreibprozess aufmerksam.
Diese Beobachtungen lassen sich in der pädagogischen festhalten. Sie geben Auskunft über das kindliche Verständnis von Schrift und Symbolen – und damit über einen wichtigen Entwicklungsbereich jenseits der Lautsprache.
Wie pädagogische Fachkräfte diese Phase begleiten
Zentrale Aufgabe pädagogischer Fachkräfte in der präliteral-symbolischen Phase ist das Ermöglichen und Bestätigen. Buchstabenunterricht in der Kita ist in dieser Phase nicht erforderlich; gebraucht werden eine , Materialien zum Experimentieren und Erwachsene, die Schreibversuche ernst nehmen.
Einige Prinzipien, die in der Praxis helfen:
- Schreiben sichtbar machen: Eigene Schreibhandlungen werden auch für Kinder sichtbar vollzogen. Eine kurze verbale Begleitung ist möglich: „Ich schreibe auf, was wir heute brauchen."
- Schreibgelegenheiten einrichten: Eine Schreibecke mit verschiedenen Stiften, Papieren und Vorlagen (Umschläge, kleine Bücher, Zettel) lädt zum So-tun-als-ob-Schreiben ein.
- Bedeutung anerkennen: Eingehende „Briefe" werden angenommen. Die Rückfrage „Was steht da drin?" macht die Bedeutung der Zeichen explizit.
- Nicht korrigieren: Das Einüben von Buchstabenformen oder das Hinweisen auf Fehler ist in dieser Phase nicht angemessen und kann den spielerischen Zugang zur Schrift behindern.
- nutzen: Beim gemeinsamen Lesen eines Bilderbuchs kann beiläufig auf Schrift verwiesen werden: auf den Namen des Kindes im Buch, auf Wörter, auf Überschriften. So wird das Bewusstsein für Schrift als Zeichensystem geschärft.
Eine einfache Praxisanregung: ein „Briefbuch" anlegen – ein kleines Heft, in das Kinder Briefe an wen auch immer schreiben können. Die fertigen Seiten werden ernst genommen, gefaltet, wie Briefe behandelt und in Umschläge gesteckt. Der Rahmen signalisiert: Was du schreibst, ist real.
Abgrenzung: Was diese Phase nicht leisten muss
Die präliteral-symbolische Phase ist eine eigenständige Entwicklungsphase mit eigenen Qualitäten. Kinder lernen in ihr, was Schrift bedeutet – lange bevor sie lernen, wie sie funktioniert.
Daraus folgt auch: Kinder, die am Ende der Kita-Zeit noch nicht einzelne Buchstaben schreiben können, befinden sich häufig vollständig im Rahmen einer altersgemäßen Entwicklung. Die präliteral-symbolische Phase bereitet den Boden für die nächste Stufe, die , in der Kinder beginnen, vertraute Wortbilder – etwa den eigenen Namen oder bekannte Logos – zu erkennen und zu reproduzieren. Der Übergang zwischen den Phasen ist fließend und individuell verschieden.
Werden Entwicklungsauffälligkeiten im Bereich der Schreibentwicklung vermutet – etwa bei motorischen Schwierigkeiten beim Halten eines Stifts oder bei fehlendem Interesse an Schrift –, wird die Fachberatung einbezogen oder den Eltern empfohlen, das Thema bei der nächsten Vorsorgeuntersuchung anzusprechen. Pädagogische Beobachtung und medizinische oder therapeutische Abklärung sind zwei klar verschiedene Aufgaben.
Mehrsprachigkeit und frühe Schrifterfahrung
Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, begegnen häufig auch verschiedenen Schriftsystemen. Ein Kind, dessen Familie arabische Schrift verwendet, hat möglicherweise andere Erfahrungen mit Schrift gemacht als ein Kind, das ausschließlich mit lateinischen Buchstaben aufgewachsen ist. Beide Erfahrungen haben Relevanz.
So-tun-als-ob-Schreiben kann bei mehrsprachigen Kindern besonders differenzierte Formen annehmen: Manche imitieren kreisförmige Schriftformen, andere lineare, manche mischen beides. Dies weist auf Interesse an unterschiedlichen Symbolsystemen hin. Durch Nachfragen, welche Schrift gerade nachgeahmt wird, oder durch das Zeigen von Schriftbeispielen verschiedener Sprachen wird das Bewusstsein für die Vielfalt von gestärkt – und zugleich das Vertrauen des Kindes in seine eigenen sprachlichen und kulturellen Ressourcen.
Woran lässt sich in Ihrer Kita erkennen, ob Kinder sich bereits in der präliteral-symbolischen Phase befinden – und welche Gelegenheiten werden ihnen geboten, um diese Phase aktiv zu erleben?
