Elternarbeit & Grundlagen 4 Min. Lesezeit

Interaktionismus: Spracherwerb als sozialer Prozess

Sprache entsteht im Miteinander. Der versteht den Spracherwerb als sozialen Prozess: Kinder erwerben Sprache in wiederkehrenden Dialogen mit vertrauten Bezugspersonen, in gemeinsamen Spielen und in verlässlichen Alltagsroutinen. Jerome Bruner hat diesen Ansatz mit dem Konzept des Language Acquisition Support System (LASS) geprägt und damit die Rolle der sozialen Umwelt in den Mittelpunkt gerückt.

Von Udo Elfert
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Soziale Interaktion als Motor des Spracherwerbs

Soziale Interaktion beschreibt den wechselseitigen Austausch zwischen Personen, in dem Blicke, Gesten, und Sprache aufeinander bezogen sind. Für den Spracherwerb bedeutet das: Kinder greifen sprachliche Muster auf, weil sie diese in bedeutungsvollen, gemeinsamen Situationen erleben. Wenn ein Kind am Wickeltisch mit der pädagogischen Fachkraft ins Blickspiel kommt und Laute austauscht, entsteht ein geteilter Moment, in dem Sprache wirksam wird.

Bezugspersonen passen ihr sprachliches Angebot intuitiv an. Im ersten Lebensjahr kommt häufig die zum Einsatz: deutliche , erhöhte Stimmlage, kurze Sätze und viele Wiederholungen. Mit zunehmender Entwicklung des Kindes treten andere Formen kindgerechter Sprache in den Vordergrund – insbesondere die stützende und die .

LASS: Das Unterstützungssystem nach Bruner

LASS steht für Language Acquisition Support System und bezeichnet das Netz an unterstützenden Interaktionsangeboten, mit denen erwachsene Bezugspersonen den kindlichen Spracherwerb begleiten. Bruner beschreibt damit die Gegenseite zu nativistischen Annahmen: Nicht das Kind allein, sondern das abgestimmte soziale Umfeld ermöglicht den Weg in die Sprache.

Ein klassisches Beispiel ist das Guck-guck-Spiel. Eine Bezugsperson verbirgt ihr Gesicht hinter einem Tuch und ruft „Tschüss!“, taucht wieder auf und ruft „Hallo!“. Das Kind lacht, babbelt und beobachtet. Mit 1;2 übernimmt es die Rolle und versteckt sich selbst. Mit 1;9 überträgt es das Muster auf Puzzleteile im Topf: „Hallo Haus!“, „Tschüss Haus!“ Klingelt es an der Tür, ruft es „Hallo!“ in Richtung Eingang. Sprache wächst hier aus einer wiederkehrenden, geteilten Handlung.

Scaffolding: Sprache als tragendes Gerüst

lässt sich mit „Gerüstbau“ übersetzen und beschreibt eine Form der stützenden Sprache: Die erwachsene Person bietet dem Kind ein sprachliches Gerüst an, das dessen aktuelle Möglichkeiten leicht übersteigt und Schritt für Schritt zurückgenommen wird, sobald das Kind eigenständig weiterträgt. “ (deutet auf das Bild, fragt)

  • Kind antwortet mit Lächeln, Zeigen oder Lautieren.
  • Fachkraft: „Das ist ein …“ (benennt)
  • Kind: „(ein) …“
  • Fachkraft: „Ja, genau. Das ist ein …“ (bestätigt und wiederholt)

Dieses Zusammenspiel aus Aufmerksamkeitslenkung, Frage, und Bestätigung bildet ein Kernmuster interaktionistisch geprägter Sprachbildung.

Dialogsituationen im Kita-Alltag gestalten

Der Kita-Alltag bietet zahlreiche Anlässe, sprachlich zu nutzen. Entscheidend ist die Anknüpfung an den aktuellen Beschäftigungsschwerpunkt des Kindes.

  • Beim Anziehen in der Garderobe: Handlungen des Kindes werden benannt; Laute und Äußerungen werden aufgegriffen. “, entsteht ein sprachlicher Bezug: „Ja, deine rote Mütze. “
  • Beim im Bauteppich: Durch Begleitung des Spielinteresses und Kommentieren in kurzen Sätzen wird das Geschehen sprachlich gestützt; Fragen erfolgen erst bei erkennbarer Bereitschaft des Kindes zur Antwort.
  • Beim wiederkehrenden Morgenkreis: Rituale und Lieder mit klaren Wiederholungen bieten verlässliche sprachliche Muster, in die Kinder fortlaufend einsteigen.
  • Beim Bilderbuch: Das Zeigen, , und Wiederholen bildet einen Rhythmus, der Orientierung bietet.

Die Passung und der Zeitpunkt der prägen die Qualität dieser Dialoge maßgeblich.

Abgrenzung: Pädagogische Begleitung und klinischer Blick

stützt sich auf pädagogische und feinfühlige Interaktion. Sie unterscheidet sich von einer klinischen Einschätzung der , die medizinischen oder logopädischen Fachpersonen vorbehalten bleibt. Werden Auffälligkeiten beobachtet, erfolgt die weitere Einordnung über die Fachberatung sowie in Abstimmung mit den Eltern über medizinische oder logopädische Fachkräfte.

Zusammenführung und Reflexion

Der Interaktionismus zeigt: Sprache wächst dort, wo Kinder verlässliche, wiederkehrende und bedeutungsvolle Dialoge erleben. LASS und Scaffolding beschreiben keine Methoden für besondere Momente, sondern durchgehende Interaktionsmerkmale des Alltags. Wer dem Kind folgt, seine Aufmerksamkeit teilt und sprachlich ein Gerüst anbietet, schafft die Grundlage für nachhaltigen Spracherwerb.

Die systematische Nutzung wiederkehrender Alltagsituationen als sprachliche Gerüstbau-Momente bildet die Grundlage für eine an der kindlichen Aufmerksamkeit ausgerichtete Sprachbildung.

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