Mehrsprachigkeit als Ausgangspunkt digitaler Sprachbildung
1.1 Multilingualismus als Ressource
Unter Multilingualismus wird das Aufwachsen und Handeln mit zwei oder mehr Sprachen im Alltag verstanden. Ein Kind, das zu Hause Türkisch spricht und in der Kindertagesstätte Deutsch erwirbt, verfügt über differenzierte sprachliche Strategien. Es wechselt zwischen Sprachen, ordnet Begriffe Lebenswelten zu und baut Weltwissen in mehreren Systemen auf. Digitale Angebote setzen hier an, indem sie Bild, Ton und Sprache flexibel verknüpfen.
1.2 Deutsch als Zweitsprache im Kita-Alltag
bezeichnet den Erwerb des Deutschen zusätzlich zu einer in deutschsprachiger Umgebung. Für Kinder ab etwa 3;6 Jahren erfolgt der parallele Aufbau von Alltagswortschatz, Handlungsroutinen und grammatischen Strukturen. Ein Praxisbeispiel verdeutlicht dies: Ein Kind kennt die Bezeichnung für „Gießkanne“ auf Arabisch, sucht jedoch im Morgenkreis nach dem deutschen Begriff. Hier setzt eine bildbasierte Anwendung an, indem sie eine Verbindung zwischen Konzept und neuer Wortform herstellt.
1.3 Wortschatzerweiterung als Kernaufgabe
Wortschatzerweiterung beschreibt den systematischen Aufbau des rezeptiven und produktiven Vokabulars. Neue Wörter erfordern zahlreiche bedeutungsvolle Begegnungen in unterschiedlichen . Digitale Werkzeuge bieten wiederholte Darbietungen mit variierendem Bildmaterial und Tonspuren; sie ergänzen die , ohne den direkten Dialog zu ersetzen.
Zwei Apps im Fokus
2.1 Multidingsda – Wortschatz in 15 Sprachen
Multidingsda nutzt animierte Wimmelbilder zu Alltagsszenen wie Küche, Spielplatz oder Badezimmer. Zu jedem Bild sind rund 600 Begriffe in bis zu 15 Sprachen abrufbar, darunter Deutsch, Türkisch, Arabisch, Russisch, Portugiesisch und Albanisch. Durch das Antippen von Gegenständen wird das Wort in der gewählten Sprache wiedergegeben, häufig in einen kurzen Satz eingebettet.
Für den Einsatz in einer Kleingruppe von drei bis vier Kindern (empfohlen ab 4;0) bewährt sich folgendes Vorgehen:
- Erstsprache aktivieren: Zu Beginn wird eine Szene ausgewählt, um Begriffe in der zu hören.
- Brücke bauen: Es erfolgt ein Wechsel zum deutschen Ton und die gemeinsame Benennung des Gegenstands.
- Vertiefen: Ein gewähltes Wort wird mit einer kurzen Handlungssprache verbunden (Beispiel: „Der Junge trinkt aus der Tasse. Trinkst du auch aus einer Tasse?“).
- Reaktivieren: In den folgenden Tagen wird zur Szene zurückgekehrt, um die Begriffssicherung zu unterstützen.
2.2 LetraKid – Buchstaben in 16 Sprachen
LetraKid richtet sich an Kinder ab etwa 4;6 Jahren und verbindet mit dem Erkennen und Nachspuren von Buchstaben in 16 Sprachen. Mehrsprachige Kinder können dadurch Buchstabenformen aus verschiedenen Alphabeten vergleichen und Wörter des eigenen Sprachrepertoires wiederentdecken.
Ein praxisnaher Einstieg erfolgt in Kleingruppen von zwei Kindern: Jedes Kind wählt drei Begriffe aus einer Kategorie (Tiere, Farben, Familie) – zunächst in der Familiensprache, anschließend auf Deutsch. Das Nachspuren wird durch eine sprachliche begleitet, die den Wortklang aufgreift und den hörbar macht.
Weiterführende Überlegungen enthält der Beitrag Vorläuferfähigkeiten des Schriftspracherwerbs durch digitale Medien fördern.
Einsatz in der Kleingruppe
3.1 Rahmenbedingungen
Für die Durchführung digitaler Wortschatzarbeit sind strukturierte Rahmenbedingungen erforderlich. Bewährt haben sich:
- Gruppengröße: zwei bis vier Kinder pro Tablet
- Dauer: 10 bis 15 Minuten pro Einheit
- Frequenz: zwei- bis dreimal pro Woche
- Sitzordnung: halbkreisförmig zur Displayeinsicht für alle Beteiligten
- Rolle der Fachkraft: dialogbegleitend, nicht bedienend
3.2 Sprachliche Begleitung
Die Anwendung stellt den Input bereit, während die Dialoggestaltung durch die Fachkraft erfolgt. Berührt ein Kind ein Bild und hört den arabischen Begriff, wird dieser aufgegriffen (Beispiel: „Das ist auf Arabisch ‚milʿaqa‘. Auf Deutsch sagen wir ‚Löffel‘. Beides ist richtig.“). Diese sprachliche Einbettung stärkt die Rolle des Kindes als kompetente sprachliche Akteurin beziehungsweise kompetenter sprachlicher Akteur.
Eine präzise Response im Anschluss an einen kindlichen Beitrag verankert das neue Wort im Gedächtnis. Der Zeitpunkt der Response ist maßgeblich, da sie unmittelbar auf die Äußerung folgt.
3.3 Einbindung der Familien
Eltern nehmen häufig wahr, dass ihre Familiensprache im Bildungskontext wenig sichtbar ist. Multidingsda und LetraKid bieten hier Anknüpfungspunkte. Im Rahmen von Tür- und Angelgesprächen wird auf die verfügbaren Sprachen hingewiesen und angeregt, Szenen gemeinsam mit dem Kind in der Familiensprache zu betrachten. So entsteht ein Erfahrungsraum, in dem Kindertagesstätte und Familie einander ergänzen.
Grenzen und pädagogische Verantwortung
Digitale Anwendungen erweitern das methodische Spektrum, ersetzen jedoch weder das gemeinsame Bilderbuchbetrachten noch das oder das Alltagsgespräch. Der Einsatz erfolgt im Rahmen der pädagogischen Begleitung und stellt keine therapeutische Intervention bei Wortschatzdefiziten dar. Zeigt ein Kind trotz vielfältiger Angebote deutliche Abweichungen von altersüblichen Entwicklungsschritten, wird der Austausch mit den Eltern sowie gegebenenfalls die Konsultation einer logopädischen Fachstelle empfohlen.
Auch technische Rahmenbedingungen erfordern Beachtung. Vor jedem Projektstart sind Verfügbarkeit, Kosten und Datenschutz zu überprüfen. Orientierung bietet der Beitrag Auswahlkriterien für Sprachbildungs-Apps in der pädagogischen Praxis.
Transfer in Ihre Praxis
Multidingsda und LetraKid veranschaulichen, wie digitale Werkzeuge die sprachlichen Ressourcen mehrsprachiger Kinder sichtbar machen und den Wortschatzaufbau in beiden Sprachen unterstützen. Entscheidend ist eine dialogische Begleitung, die aus dem digitalen Impuls eine sprachliche Erfahrung macht.
Die Betrachtung der in der Gruppe präsenten Sprachen bildet die Grundlage für deren gezielte Einbindung in eine 15-minütige Kleingruppeneinheit mit Multidingsda.
---
