Historische Hintergründe von „Nur Deutsch im Kindergarten!“
In den 1980er-Jahren entwickelte sich in den USA eine Bewegung, die die englische Sprache stärker in den Vordergrund stellte und dies gesetzlich verankerte. Diese sogenannte „English-Only-Movement“ führte dazu, dass in staatlichen und behördlichen Einrichtungen ausschließlich Englisch gesprochen werden sollte. Betroffen davon waren in der Folge auch US-amerikanische Schulen und Preschools (Kindergärten). Diese Bewegung übertrug sich im Weiteren nach Deutschland und führte zu einer entsprechenden „Nur-Deutsch-im-Kindergarten“-Strömung. Die praktische Umsetzung des Prinzips „English-Only“ in US-amerikanischen Kindergärten und Schulen erwies sich als wenig erfolgreich, da die Kinder dadurch keine verbesserten englischen Sprachkompetenzen aufweisen. Die fachliche Kritik an diesem Ansatz reicht von der Einordnung als reine Symbolpolitik bis hin zu Bezeichnungen als Sprachtotalitarismus.
Was wären die Folgen eines konsequent verfolgten „Nur-Deutsch-im-Kindergarten“-Ziels?
Für die pädagogischen Fachkräfte
In bilingualen Einrichtungen ist das Prinzip „Nur Deutsch“ organisatorisch nicht umsetzbar, da der Kern bilingualer Einrichtungen gerade in der Verwendung von zwei oder mehreren Sprachen besteht. Bei einem Ausschluss anderer Sprachen als Deutsch könnten pädagogische Fachkräfte, selbst bei guten Kenntnissen weiterer Sprachen, nicht in diesen kommunizieren:
- In Notsituationen und in der ließe sich nicht in der Erstsprache der Kinder sprechen. (Fachkräfte kommunizieren mit Kindern zwar überwiegend in einer Sprache; in Notsituationen und während der Eingewöhnung ist der Rückgriff auf die Erstsprache des Kindes jedoch ein angemessenes Mittel.)
- Bei mit Sorgeberechtigten, die kein Deutsch sprechen, bliebe eine Kommunikation in der Elternsprache untersagt, obwohl die Fachkräfte diese beherrschen.
Das durch pädagogische Fachkräfte eingebrachte Potenzial sprachlicher Vielfalt würde dadurch ungenutzt bleiben.
Für die Eltern
Wenn Eltern kein oder kaum Deutsch sprechen, sind zielführende Elterngespräche ohne gemeinsame Sprache kaum möglich. Der Umstand, dass eine pädagogische Fachkraft die nicht-deutsche Sprache der Eltern spricht, stellt hierbei einen wesentlichen Vorteil dar, der für die Zusammenarbeit genutzt wird. Werden andere Sprachen als Deutsch aus dem Kindergarten ausgeschlossen, entsteht zudem die Problematik, wie Eltern ohne oder mit geringen deutschen Sprachkenntnissen in Bring- und Abholsituationen mit ihren Kindern kommunizieren sollen. Unter einem solchen Ausschluss verbleiben Eltern im Wesentlichen drei Handlungsoptionen:
- Gar nicht mit ihren Kindern zu sprechen.
- In gebrochenem oder rudimentärem Deutsch mit ihren Kindern zu sprechen.
- Beim Sprechen in ihrer Erstsprache den Eindruck zu haben, eine unzulässige Handlung zu begehen.
Keine dieser Varianten erweist sich für die sprachliche Interaktion als zielführend.
Für die Kinder
Kinder mit Deutsch als Zweitsprache erleben beim Eintritt in die pädagogische Einrichtung mit ihrer bislang erworbenen Erstsprache oft eine sprachliche Diskrepanz. Sie nehmen wahr, dass Fachkräfte und die Mehrheit der Kinder eine Umgebungssprache verwenden, die sie zu Beginn weder sprechen noch verstehen, wodurch Gefühle von Hilflosigkeit entstehen können. Für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache stellt die Kommunikation mit anderen Kindern, die dieselbe Erstsprache sprechen, eine naheliegende Form des Austauschs dar. In diesen Kontakten erleben sie sich als verstanden, sicher und selbstwirksam. Darüber hinaus bietet diese Kommunikation die Gelegenheit, die nicht-deutsche Erstsprache zu festigen, welche als fundamentale Grundlage für den späteren Erwerb der Zweitsprache dient.
Umsetzbarkeit
Selbst unter der hypothetischen Annahme, das Prinzip „Nur-Deutsch-im-Kindergarten“ sei wirksam, stünde dessen praktische Umsetzung vor erheblichen Schwierigkeiten.
Beispiel: Fünf Kinder mit türkischer Erstsprache spielen in einer Kleingruppe und stehen in einem regen kommunikativen Austausch auf Türkisch. Zur Umsetzung des Prinzips „Nur Deutsch“ müsste eine pädagogische Fachkraft die Gruppe aufsuchen und auf die Verwendung der deutschen Sprache hinweisen. Die Kinder würden dies temporär umsetzen; erfahrungsgemäß ist jedoch davon auszugehen, dass nach dem Entfernen der Fachkraft unmittelbar wieder in der Erstsprache kommuniziert wird.
Beispiel: Bei einem Gespräch mit Sorgeberechtigten, die kein Deutsch sprechen, beherrscht eine anwesende Fachkraft deren Erstsprache. Den Eltern wäre kaum vermittelbar, weshalb im Gespräch auf eine gemeinsame Sprache verzichtet werden sollte, obwohl die Fachkraft diese beherrscht.
Eine konsequente Umsetzung des Prinzips „Nur Deutsch“ entspricht faktisch einem Sprachverbot und ließe sich ausschließlich durch kontinuierlichen Zwang und restriktive Regeln durchsetzen.
Wertschätzung der Erstsprache im Rahmen einer interkulturellen Bildung
Ein sprachliches Verbot steht im Widerspruch zur nicht-deutscher Erstsprachen. Insbesondere Kinder nehmen sehr sensibel wahr, wenn ihre Erstsprache in der Einrichtung unerwünscht ist. Durch eine restriktive Handhabung geht zudem ein zentraler Aspekt der interkulturellen Bildung verloren. stellt eine wertvolle kommunikative Ressource dar, an der monolingual deutschsprachig aufwachsende Kinder in Einrichtungen mit dem Prinzip „Nur-Deutsch“ nicht partizipieren können.
Verkennung der Grundlagen des Zweitspracherwerbs
Auch aus formalen Gesichtspunkten erweist sich das Prinzip „Nur-Deutsch-im-Kindergarten“ als fachlich nicht zielführend, da wesentliche Grundlagen des Zweitspracherwerbs entgegenstehen.
- Das Prinzip der „“: Eltern kommunizieren mit ihren Kindern idealerweise in ihrer familiären Erstsprache, der sogenannten „Herzenssprache“. Dies unterstützt eine sichere emotionale Bindung sowie den differenzierten Erwerb der Erstsprache in all ihren Facetten. Verwenden Eltern in Bring- und Abholsituationen Deutsch, obwohl dies nicht ihre Erstsprache ist, kann dies zu sprachlichen Irritationen führen, die sich ungünstig auf den Erst- und Zweitspracherwerb auswirken. Kommunizieren Eltern in der Einrichtung in gebrochenem oder rudimentärem Deutsch, kann dies den formalen Spracherwerb (, und ) beeinträchtigen.
- Das Prinzip „1 Sprache – 1 Person“ bzw. „1 Sprache – 1 Situation“: Kinder im Erst- und Zweitspracherwerb benötigen klare Orientierungspunkte hinsichtlich der Verwendung der jeweiligen Sprache durch bestimmte Bezugspersonen. Dadurch entwickeln sie die , welche es erlaubt, zwei oder mehr Sprachen eigenständig zu verwenden, ohne diese unkontrolliert zu vermischen. Dies wird unterstützt, indem feste Zuordnungen gelten (Prinzip „1 Sprache – 1 Person“ oder „1 Sprache – 1 Situation“). Wechselt ein Elternteil im Kindergarten unregelmäßig zwischen Deutsch und der Erstsprache, kann dies die sprachliche Trennungsfähigkeit beeinträchtigen und zu oder führen.
- Die Erstsprache als Grundlage für die Zweitsprache: Die Kompetenz im Erwerb einer Zweitsprache wie Deutsch baut direkt auf den in der Erstsprache entwickelten Grundlagen auf. Kinder übertragen erworbene sprachliche Strukturen auf die Zweitsprache. Treten im Erstspracherwerb Schwierigkeiten auf, spiegeln sich diese häufig im Zweitspracherwerb wider. Ein ungestörter und qualitativ hochwertiger Erstspracherwerb begünstigt folglich den Zweitspracherwerb. Durch die Kommunikation mit Gleichaltrigen (Peers) in der Erstsprache stabilisieren und festigen Kinder diese Basis als Voraussetzung für einen erfolgreichen Zweitspracherwerb. Das Modell des sprachlichen Eisbergs veranschaulicht diesen Zusammenhang, bei dem die Erstsprache das sichtbare oder unsichtbare Fundament der Zweitsprache bildet.
Zweitspracherwerb in bilingualen Einrichtungen
In zahlreichen bilingualen Einrichtungen wird neben Deutsch konsequent eine weitere Sprache verwendet, bei der es sich meist um die Erstsprache der Kinder handelt. Praxiserfahrungen belegen, dass Kinder in diesen Einrichtungen sehr gute deutsche Sprachkompetenzen erwerben, weil Deutsch dort gleichberechtigt neben einer anderen Sprache steht.
Was also tun im Rahmen der alltagsintegrierten Sprachbildung?
Für die Gestaltung einer sind die Prinzipien des Zweitspracherwerbs zu berücksichtigen. Die Erstsprache dient dabei als wesentliche Basis, welche Kinder durch den Austausch untereinander stabilisieren und fördern. Bei Elterngesprächen ist im Rahmen der die Herstellung einer vertrauensvollen Beziehung und eines intensiven Austauschs maßgeblich, während die verwendete Sprache nachrangig ist. In der Eingewöhnungsphase und in Notsituationen steht im Vordergrund, dass das Kind Sicherheit und Orientierung erfährt; die dafür verwendete Sprache orientiert sich an den Bedürfnissen des Kindes. Für die sozial-emotionale Entwicklung ist bedeutsam, dass das Kind durch die Anerkennung seiner Erstsprache Wertschätzung und erfährt. Im Rahmen des Grundsatzes Qualität vor Quantität ist weniger die quantifizierte Menge deutscher Sprachanregungen ausschlaggebend als vielmehr die Qualität der Interaktionssituationen: Die Entwicklung von , die Berücksichtigung von Grundprinzipien der Sprachbildung (wie , , Sprechen auf Augenhöhe und Interesse) sowie der Einsatz spezifischer Sprachbildungsstrategien sind zentral. Die Motivation zum Zweitspracherwerb entsteht aus der Wertschätzung der Erstsprache und der institutionellen Gleichwertigkeit statt durch restriktive Verbote.
Wenn der DaZ-Anteil sehr hoch ist
In Gruppen mit einem sehr hohen Anteil an Kindern mit Deutsch als Zweitsprache (ab etwa 90 Prozent) ist sicherzustellen, dass die deutsche Sprache im Alltag ausreichend vertreten ist. Zur praktischen Umsetzung dienen klar definierte Situationen, in denen Deutsch als gemeinsame verwendet wird:
- Im Morgenkreis.
- Während gemeinsamer Mahlzeiten.
- Bei der Einbindung eines Kindes in eine Kleingruppe, welches die jeweilige Erstsprache nicht spricht.
- In weiteren, organisatorisch festgelegten .
In diesen Situationen fungiert Deutsch als verbindliche Verkehrssprache.
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