Mehrsprachigkeit & Vielfalt 3 Min. Lesezeit

Schweigephase bei DaZ vs. selektiver Mutismus

Bei neu aufgenommenen mehrsprachigen Kindern (beispielsweise mit Türkisch, Arabisch oder Ukrainisch) tritt in der Gruppe zunächst häufig keine sprachliche Äußerung auf. In der fachlichen Praxis ist zu unterscheiden, ob es sich um eine natürliche Phase im oder um ein Schweigen mit anderen Ursachen handelt; eine systematische dient dieser Einordnung.

Von Udo Elfert
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Die Silent Period im Zweitspracherwerb

Als bezeichnet man eine stille Phase, in der Kinder eine neue Sprache zunächst überwiegend rezeptiv aufnehmen, bevor sie selbst zu sprechen beginnen. Sie hören zu, beobachten, imitieren innerlich und sammeln sprachliche Bausteine. Ein Fallbeispiel veranschaulicht diesen Verlauf: Ein vierjähriges Kind (4;2) mit Erstsprache Arabisch nimmt seit sechs Wochen am Morgenkreis teil, singt die Bewegungen mit, spricht aber nicht. Beim Bilderbuch zeigt es auf die richtige Seite, wenn die Fachkraft fragt. Das Verstehen wächst deutlich – nur die Produktion lässt noch auf sich warten.

Diese Phase dauert Wochen bis mehrere Monate und stellt einen regulären Bestandteil des Zweitspracherwerbs dar. zeigt sich als Prozess des Strategieerwerbs und der sprachlichen Strukturierung.

Merkmale einer Schweigephase im DaZ-Kontext

Merkmale einer Silent Period umfassen:

  • Das Kind spricht in der Erstsprache mit Familie oder vertrauten Personen weiterhin altersgerecht.
  • Es reagiert nonverbal: , , , Zeigen, Nicken.
  • Es beteiligt sich an Ritualen, Bewegungsspielen und Liedern.
  • Das in der Zweitsprache wächst sichtbar.
  • Erste Wörter oder Formeln (z. B. „nein“, „auch“, „ich auch“) tauchen nach einigen Wochen auf.

Hinweise, die eher an selektiven Mutismus denken lassen

beschreibt ein situationsgebundenes Schweigen bei vorhandener Sprechfähigkeit. Folgende Merkmale unterscheiden diesen Zustand:

  • Das Kind schweigt auch in der Erstsprache in bestimmten Situationen oder gegenüber bestimmten Personen konsequent.
  • Es zeigt deutliche körperliche Anspannung, erstarrt, vermeidet Blickkontakt.
  • bleibt stark reduziert, auch nach mehreren Monaten.
  • Das Schweigen bleibt über viele Monate stabil, ohne dass sich rezeptive Fortschritte zeigen.
  • Familien berichten, dass das Kind zu Hause lebhaft und sprachlich aktiv ist.

Solche Beobachtungen sind Anlass für und die Einbindung externer Fachstellen (z. B. oder Medizin). Die pädagogische Rolle umfasst die und Begleitung, während klinische Einordnungen durch zuständige Fachstellen erfolgen.

Neuaufnahme sprachfeinfühlig begleiten

Bei neu aufgenommenen mehrsprachigen Kindern unterstützt eine feinfühlige Begleitung die Orientierung während der stillen Phase:

  • Benennung verlässlicher Bezugspersonen und Bereitstellung fester Rituale.
  • Verknüpfung sprachlicher Angebote mit Gestik, Bildern und Handlungen.
  • Vermeidung von Sprechdruck und direkten Aufforderungen wie „Sag doch mal…“.
  • Aufgreifen kindlicher Beiträge und Spiegelung durch eine kurze (z. B. bei Zeigen auf einen Apfel: „Du möchtest einen Apfel. Hier, bitte.“).
  • der Erstsprache durch Begrüßungswörter, Einbezug der Familien und mehrsprachige Bilderbücher.

Beobachten, dokumentieren, im Team besprechen

Eine strukturierte Dokumentation über mehrere Wochen dient der Einordnung von Verläufen hinsichtlich Sprechsituationen, Kommunikationspartnern, Sprachen und . Sprachverständnis und Sprachproduktion werden dabei gleichermaßen erfasst. Kollegiale Beratung im Team sichert eine sachliche Einordnung der Beobachtungen.

Zum Weiterdenken: Die über genutzte Beobachtungskriterien zur Unterscheidung zwischen der Silent Period und anhaltendem situationsgebundenem Schweigen dient der Schärfung der einrichtungsinternen Dokumentation.

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