Mehrsprachigkeit & Vielfalt 6 Min. Lesezeit

Simultaner Mehrspracherwerb: Von Geburt an zwei Sprachen

Manche Kinder wachsen von Beginn an mit zwei oder mehr Sprachen auf. In der Kita ist dies häufig: Ein Kind hört zu Hause Türkisch und Deutsch, ein anderes wächst mit Arabisch und Russisch auf, bevor es in die Einrichtung kommt. Diese Kinder befinden sich im . Dabei werden beide Sprachen parallel und von Geburt an erworben. Dieser Erwerbstyp unterscheidet sich klar von Situationen, in denen zunächst eine Sprache gefestigt wird und erst danach eine weitere hinzukommt. Das fachliche Verständnis dieser Unterschiede ermöglicht eine stimmige Einordnung von Entwicklungsverläufen, die Auswahl geeigneter Beobachtungsstrategien und informierte Beratung von Familien. Dadurch werden unpassende Vergleiche mit einsprachigen Entwicklungsverläufen vermieden. Im Folgenden werden Grundlagen des simultanen Mehrspracherwerbs dargestellt: Definition, zeitliche Kriterien zur Abgrenzung von anderen Erwerbsformen und Implikationen für die .

Von Udo Elfert
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Definition: Was simultaner Mehrspracherwerb bedeutet

Simultaner Mehrspracherwerb bezeichnet den Erwerb von zwei oder mehr Sprachen ab Geburt, ohne zeitlichen Versatz. Die Sprachen werden nicht in fester Reihenfolge, sondern gleichzeitig aufgebaut. Jede dieser Sprachen gilt fachlich als weitere , nicht als Zweit- oder Fremdsprache.

Beispiel: Ein Säugling, dessen Mutter konsequent Polnisch und dessen Vater Deutsch spricht, nimmt von Anfang an beide sprachlichen Systeme wahr. Beide Sprachen bauen sich parallel auf und werden zu Erstsprachen. Es gibt im linguistischen Sinne keine „Haupt-“ und keine „Nebensprache“.

In der Fachliteratur wird dieser Erwerbstyp auch als primärer Bilingualismus bezeichnet. Bilingualismus meint die Fähigkeit, zwei Sprachen zu gebrauchen; „primär“ verweist auf den Erwerb in der frühesten Lebensphase, in der grundlegende sprachliche Strukturen entstehen. Primäre entwickelt sich dabei organisch im familiären und sozialen Umfeld.

Die Altersgrenze: Wann zählt eine Sprache noch als Erstsprache?

Für die Einordnung ist der Zeitpunkt des ersten regelmäßigen, intensiven Sprachkontakts maßgeblich. Als Kriterium gilt das vollendete zweite Lebensjahr. Erfolgt bis zum zweiten Geburtstag ein dauerhafter, bedeutsamer Kontakt mit einer weiteren Sprache, gilt diese als weitere Erstsprache; der Erwerb wird als simultan gewertet.

Beginnt intensiver Kontakt nach dem zweiten Geburtstag, handelt es sich nicht mehr um simultanen, sondern um , also um . Dieser folgt anderen Erwerbsmechanismen und wird in der Sprachbildung gesondert betrachtet.

Die zeitliche Grenze dient als fachliche Orientierung. Sie ermöglicht eine realistische Beschreibung von Entwicklungsverläufen und eine sinnvolle Rahmung von . Ein Kind, das mit 2;3 Jahren erstmals intensiven Kontakt zur deutschen Sprache in der Kita erhält, bringt bereits eine gefestigte Erstsprache mit; dies wird als Stärke eingeordnet.

Wie sich simultaner Mehrspracherwerb im Alltag zeigt

Kinder im simultanen Mehrspracherwerb mischen Sprachen, wechseln zwischen ihnen und nutzen je nach Situation und Gesprächspartner unterschiedliche sprachliche Mittel. Dieses Phänomen heißt : das bewusste oder situationsbedingte Wechseln zwischen zwei Sprachen innerhalb eines Gesprächs oder sogar eines Satzes.

In der Kita zeigt sich dies etwa, wenn ein Kind beim Spielen Deutsch spricht, bei einer ungewohnten Beobachtung aber auf die zurückgreift. Dies wird nicht als Sprachverwirrung oder unvollständiger Erwerb bewertet, sondern als Ausdruck sprachlicher Flexibilität, wie sie zweisprachig aufwachsende Kinder weltweit zeigen. Code-Switching ist ein normaler und produktiver Bestandteil des simultanen Mehrspracherwerbs.

Beobachtungen erfolgen ohne Bewertung. Es wird berücksichtigt, dass sich beide Sprachen wechselseitig beeinflussen und stützen. Wörter oder Strukturen können in einer Sprache vorübergehend fehlen, wenn die andere häufiger genutzt wurde. Dies wird nicht als Rückstand eingeordnet, sondern als dynamisches Merkmal dieser Erwerbsform.

Simultaner Mehrspracherwerb und die Response in der Sprachbildung

Alltagsintegrierte Sprachbildung in der Kita setzt an den sprachlichen Handlungen des Kindes an. Kinder im simultanen Mehrspracherwerb verfügen häufig über gut entwickelte sprachliche Strukturen, auch wenn die Kita-Sprache Deutsch noch im Aufbau ist. Eine passende greift diesen Stand auf.

Die Response ist die sprachliche Rückmeldung der pädagogischen Fachkraft auf eine Äußerung des Kindes. Wirksam ist sie, wenn das Gesagte aufgegriffen, sprachlich modelliert und erweitert wird, ohne die inhaltliche Aussage zu übertönen. Sagt ein Kind „Ball kaputt“, bietet die Antwort „Ja, der Ball ist kaputt. Der hat ein Loch.“ geeignetes sprachliches Material, ohne das Gespräch zu unterbrechen oder zu korrigieren.

Für Kinder im simultanen Mehrspracherwerb gilt: Auch kurze Äußerungen in der Familiensprache erhalten Aufmerksamkeit und Anerkennung. Kenntnisse der Familiensprache sind dafür nicht erforderlich. Ein interessiertes, kontextbezogenes Handeln und der Versuch, den zu erschließen, reichen häufig aus, um das Kind zu bestätigen und zum Weitersprechen einzuladen.

Ressource, nicht Risiko: Mehrsprachigkeit in der pädagogischen Haltung

Simultaner Mehrspracherwerb stellt eine sprachliche Ressource dar. Kinder, die von Geburt an zwei Sprachen aufbauen, entwickeln zwei sprachliche Systeme und , also die Fähigkeit, über Sprache nachzudenken und Strukturen zu vergleichen. Diese Fähigkeit entsteht durch den ständigen Umgang mit zwei unterschiedlichen Systemen.

Zum Prozess wird beigetragen, wenn alle Sprachen des Kindes wertgeschätzt werden. Beispiele sind: ein Lied in der Familiensprache kennen, ein Wort in dieser Sprache aufgreifen, die Familie nach der Bezeichnung auf Türkisch oder Arabisch fragen. Bilderbücher in mehreren Sprachen oder zweisprachige Familiensituationen im stärken das Selbstbild als kompetente Sprecherinnen und Sprecher.

Eine ressourcenorientierte gegenüber simultaner Mehrsprachigkeit wird fachlich begründet: Forschung und Praxis zeigen übereinstimmend, dass Mehrsprachigkeit nicht trotz früher Gleichzeitigkeit entsteht, sondern gerade dadurch.

Abgrenzung: Was simultaner Mehrspracherwerb nicht ist

Simultaner Mehrspracherwerb ist von anderen Formen zu unterscheiden. Sukzessiver Mehrspracherwerb beginnt nach dem zweiten Geburtstag und wird deshalb auch als Zweitspracherwerb bezeichnet. Fremdspracherwerb bezeichnet eine Situation, in der eine neue Sprache nach dem weitgehenden Abschluss des erstsprachlichen Erwerbs hinzukommt, in der Regel ab dem sechsten bis zwölften Lebensjahr, je nach Definition.

Diese Unterscheidungen haben praktische Relevanz: Wenn ein Kind bereits mit zwei Jahren in die Kita kommt und zu Hause täglich zwei Sprachen spricht, befindet es sich im simultanen Mehrspracherwerb. Wenn ein Kind mit vier Jahren erstmals Deutsch kennenlernt, befindet es sich im Zweitspracherwerb. Beide Kinder benötigen Sprachbildung, jedoch unterscheiden sich Ausgangspunkt und Verlauf. Das Wissen um diesen Unterschied schärft den pädagogischen Blick.

Transferfrage

Mit Bezug auf ein Kind in der Einrichtung, das mit zwei Sprachen aufwächst: Welche sprachlichen Stärken werden in beiden Sprachen beobachtet? Wo lässt sich im Alltag gezielt anknüpfen, um beide Sprachen des Kindes sichtbar und hörbar werden zu lassen?