Was ist Sprache?
Diese Frage wurde bereits an anderer Stelle im Zusammenhang mit dem Eisberg-Modell von Sprache gestellt. Das Eisberg-Modell bezog die Frage „Was ist Sprache?“ in erster Linie auf die Funktionen von Sprache – Aspekte, die bei der Frage nach dem Wesen von Sprache häufig unbeachtet bleiben (im Eisberg-Modell: sich unter der Wasseroberfläche befinden).
Die Frage „Was ist Sprache?“ lässt sich auch im Hinblick auf die formalen Aspekte von Sprache beantworten. Man könnte auch fragen: „Aus was besteht Sprache eigentlich?“ – Die Antwort ist häufig: „Aus Sprachlauten.“ Dies gilt zwar für die Lautsprache – die Lautsprache besteht, wie der Name schon sagt, aus Sprachlauten. Aber es gibt noch andere Formen von Sprache, die nicht aus Sprachlauten bestehen: die Schriftsprache und die .
Sprachlaute sind daher keine obligatorisch in Sprache vorkommenden Elemente. Es gibt aber ein Element, das in jeder Sprachform (Lautsprache, Schriftsprache und Gebärdensprache) vorhanden ist: das Wort. Wörter gibt es in der Lautsprache, in der Schriftsprache und in der Gebärdensprache. Zusammenfassend gilt: Sprache besteht aus Wörtern.
Das Vorhandensein von Wörtern ist zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für Sprache. Wir benötigen ein weiteres notwendiges Element: Regeln. Beispiel: Die Sätze „Der Hund beißt den Mann.“ und „Der Mann beißt den Hund.“ haben die gleichen Wörter. Der Bedeutungsunterschied ergibt sich aus der Reihenfolge der Wörter. Hier wirken bestimmte Regeln, in diesem Fall syntaktische Regeln.
Man kann die Frage, woraus Sprache besteht, also auf folgende Formel bringen:
Sprache = Wörter + Regeln
Von der Formel zu den Sprachbereichen: Die „Sprach-Lupe“
Der Übergang von der Formel „Sprache = Wörter + Regeln“ zu den unterschiedlichen Sprachbereichen lässt sich durch das methodische Bild einer Lupe veranschaulichen.
Wird die Lautsprache – die „gesprochene“ Sprache, um die es in der alltagsintegrierten Sprachbildung im Wesentlichen geht – mit einer Lupe betrachtet, die eine sehr starke Vergrößerung hat, zeigen sich als kleinste Einheiten die Sprachlaute der Lautsprache. Bei einer Lupe mit etwas schwächerer Vergrößerung sind es nicht mehr die Sprachlaute, sondern größere Einheiten: Silben und Wortbausteine. Eine Lupe mit noch schwächerer Vergrößerung lässt uns noch größere Elemente wahrnehmen: Wörter. Ohne Lupe können Satzteile oder ganze Sätze beobachtet werden, und bei einer übergeordneten Perspektive auf die gesprochene Sprache lassen sich ganze beobachten und beschreiben.
Je nach Vergrößerung unserer „Sprach-Lupe“ können also entweder Laute, Wortbausteine, Wörter, Satzteile und Sätze oder ganze Texte beobachtet und beschrieben werden. Genau diese Elemente – Laute, Wortbausteine, Wörter, Satzteile und Sätze, Texte – sind die Untersuchungsgegenstände der jeweiligen linguistischen Ebenen.
Die linguistischen Ebenen im Überblick
Es gibt sieben verschiedene linguistische Ebenen. Eine achte Ebene wird ergänzt, obwohl sie strenggenommen keine „linguistische“ Ebene ist:
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Phonetik
Der Untersuchungsgegenstand der Phonetik sind die „kleinsten“ Einheiten der Lautsprache, nämlich die Sprachlaute. Die Phonetik kann in drei Teilgebiete unterteilt werden: die akustische Phonetik, die auditive Phonetik und die .
- Akustische Phonetik: Sie beschäftigt sich mit den formalen physikalischen (genauer: akustischen) Eigenschaften der Sprachlaute. Dies ist z. B. für die Entwicklung, Verordnung, Anpassung und Programmierung von Hörgeräten, also für die Hörgeräteakustik, von großer Wichtigkeit.
- Auditive Phonetik: Sie beschäftigt sich mit der Aufnahme, Umwandlung, Verarbeitung und Wahrnehmung der einzelnen Sprachlaute und hat große Relevanz für die und Therapie von Hörstörungen, also für die Audiologie.
- Artikulatorische Phonetik: Sie befasst sich mit der Produktion von Sprachlauten und beantwortet die Frage, wie die einzelnen Sprachlaute gebildet werden. Dieses Teilgebiet ist für die Diagnostik von Sprechstörungen und damit für die von großer Wichtigkeit. Auch im Rahmen der Sprachbildung und Sprachförderung geht es, wenn von „Phonetik“ die Rede ist, meist um die artikulatorische Phonetik.
Die artikulatorische Phonetik analysiert Aspekte wie die Lautbildung, artikulatorische Fehlbildungen, anatomische Bedingungen (Lippen, Zähne, Zunge, Gaumen etc.), sprachspezifische Unterschiede, Lautanbahnungen bei phonetischen Störungen sowie spezifische Störungsbilder wie , , multiple und multiple Interdentalität.
Die häufigste beziehungsweise Störung ist das Lispeln (fachsprachlich: der ). Hier werden die s-Laute nicht richtig gebildet, weil die Zungenspitze bei der Produktion dieser Laute zu weit vorne, also an oder zwischen den Zähnen liegt. Das Lispeln ist eine Auffälligkeit/Störung, die mithilfe der artikulatorischen Phonetik genau beschrieben werden kann.
Phonologie
Auch die Phonologie beschäftigt sich mit den Sprachlauten (das Phon = der Sprachlaut). Allerdings geht es hier nicht um die Produktion (Bildung) von Sprachlauten, sondern um deren Verwendung.
Die Phonologie untersucht, ob und wie die einzelnen Sprachlaute verwendet werden. Womit sich die Phonologie beschäftigt, lässt sich gut anhand der sogenannten „“ nachvollziehen. Phonologische Prozesse sind kindliche Vereinfachungen der Erwachsenensprache, die physiologisch (natürlicherweise) in der Sprachentwicklung auftreten. Dabei werden Sprachlaute entweder nicht verwendet (statt „Blume“ „Bume“, statt „Banane“ „Nane“), bestimmte Sprachlaute durch andere ersetzt (statt „Käse“ „Täse“, statt „drei“ „grei“) oder Sprachlaute werden innerhalb eines Wortes ausgetauscht (statt „Lasagne“ „Salagne“, statt „Seilbahn“ „Beilsahn“). Wenn ein Kind statt „Käse“ „Täse“ sagt, heißt das nicht, dass es den k-Laut nicht produzieren kann (eine Frage der Phonetik). Es bedeutet zunächst nur, dass das Kind den k-Laut nicht verwendet – eine Frage der Phonologie und daher ein .
Beim Lispeln ist es umgekehrt: Hier wird zwar der richtige Laut verwendet (Phonologie), dieser wird aber „falsch“ produziert; deshalb ist das Lispeln eine phonetische und keine phonologische Auffälligkeit bzw. Störung.
Halten wir fest:
- Phonetik – Lautproduktion
- Phonologie – Lautverwendung
Phonetik und Phonologie werden zusammenfassend als „“ bezeichnet. Eine Aussprachestörung (sog. „“) kann also die Phonetik (Lautproduktion) und/oder die Phonologie (Lautverwendung) betreffen.
Morphologie
Die Morphologie beschäftigt sich mit den Formen von Wörtern. Das Wort Tisch beispielsweise gibt es in den Formen Tisch (Nom. Sing., „Da steht ein Tisch.“), Tische (Nom. Plur., „Da stehen viele Tische.“), Tischen (Dat. Plur., „Da sitzen viele Leute an den Tischen.“) und Tisches (Gen. Sing., „Das ist die Platte des Tisches.“). Je nach Beugung taucht das Wort in unterschiedlichen Formen auf.
Dies gibt es selbstverständlich nicht nur bei /Substantiven (im Hinblick auf und ), sondern auch bei im Hinblick auf Person und Zeitform: Das Verb gehen gibt es unter anderem in den Formen gehe („Ich gehe.“), gehst („Du gehst.“), gehen („Wir gehen.“), gingst („Du gingst.“), gingen („Wir gingen.“) und einige mehr.
Sagt ein Kind beispielsweise: „Gestern sind wir zum Bauernhof gegeht/gegingt/gegangt“, dann handelt es sich um eine morphologische Auffälligkeit, genauso wenn ein Kind sagt: „Ich habe drei Onkels.“
Syntax
Die Syntax befasst sich vereinfacht gesagt mit dem Vorhandensein und der Reihenfolge von Wörtern in Sätzen. Deshalb wird die Syntax umgangssprachlich manchmal auch als „Satzlehre“ bezeichnet.
Der Satz „Gestern wir zum Bauernhof gegangen sind“ ist syntaktisch auffällig. (Hier liegt übrigens die sog. „“ vor, wie sie in der physiologischen Sprachentwicklung fast aller Kinder zu finden ist.)
Der Satz „Gestern wir Bauernhof gegangen“ ist syntaktisch unvollständig, weil notwendige Wörter bzw. Satzglieder fehlen.
Semantik und Lexikon
Eigentlich handelt es sich beim Sprachbereich „Semantik/Lexikon“ um zwei unterschiedliche linguistische Ebenen.
Semantik: Die Semantik beschäftigt sich mit der Bedeutung von Wörtern. Sie stellt sich Fragen wie: „Was ist die Bedeutung des Wortes ‚Hund‘?“ „Was ist die Bedeutung des Wortes ‚Wauwau‘ für ein 1;5 Jahre altes Kind?“ „Was bedeuten Baby- und Kleinkindwörter für die betreffenden Kinder?“ „Was unterscheidet die Wörter ‚See‘ und ‚Teich‘ hinsichtlich ihrer Bedeutung?“ (Es ist übrigens nicht die Größe. Ein See ist natürlich, ein Teich künstlich.) „Gibt es Bedeutungshierarchien – Oberbegriffe, Unterbegriffe, (Gegenwörter), ?“ „Wie sind die Wörter hinsichtlich ihrer Bedeutung organisiert? Gibt es ein Bedeutungsnetzwerk?“
Lexikon: Das Lexikon kann auch mit „“ übersetzt werden. Hier kann der aktive vom Wortschatz unterschieden werden. Der umfasst diejenigen Wörter, die ein Kind (oder auch ein Erwachsener) aktiv verwendet, also produziert bzw. spricht. Der passive Wortschatz umfasst diejenigen Wörter, die ein Kind versteht und nicht notwendigerweise auch spricht. Der passive Wortschatz ist zu jedem Zeitpunkt der Entwicklung eines Kindes größer als der aktive Wortschatz.
Die beiden linguistischen Ebenen ‚Semantik‘ und ‚Lexikon‘ sind aufs Engste miteinander verbunden. Deshalb werden sie häufig als eine linguistische Ebene – Semantik/Lexikon – angesehen.
Textlinguistik
Was ist eigentlich ein Text? Ein Text muss nicht unbedingt schriftlich formuliert sein. Es gibt auch mündliche Texte (daher der Begriff „zutexten“). Ein Text liegt dann vor, wenn sich zwei oder mehr Sätze aufeinander beziehen und einzelne Sätze innerhalb dieses Textes nicht vollständig ohne andere Sätze des Textes verständlich wären. Beispiel: „Gestern waren wir im Zoo. Dort gab es viele Löwen.“ Der zweite Satz „Dort gab es viele Löwen.“ ist nicht vollständig ohne den ersten Satz verständlich. Man muss einen Rückbezug von „Dort“ zum ersten Satz „… im Zoo“ machen, um den zweiten Satz zu verstehen. Ein kurzer Text, aber ein Text.
Die Textlinguistik beschäftigt sich damit, wie Texte aufgebaut sind und welcher Fähigkeiten es bedarf, um Texte a) zu verstehen und b) zu produzieren.
Auch für Kinder geht es im Rahmen ihrer Sprachentwicklung irgendwann darum, nicht nur einzelne Sätze, sondern auch Texte (kurze Berichte vom Wochenende im Morgenkreis, kurze oder längere Geschichten, Märchen etc.) zu verstehen und selbst zu produzieren.
Pragmatik
Der Pragmatik geht es darum, zu untersuchen, wie mit Sprache gehandelt wird. Etwas vereinfacht gesagt befasst sich die Pragmatik mit dem Kommunikationsverhalten. Dabei geht es sowohl um grundlegende Kommunikationsregeln wie , und Ausreden-Lassen als auch um Themen wie , Wortwitz und sprachliche Ambiguitäten (sprachliche Mehrdeutigkeiten) sowie um Fragestellungen wie: „Was genau meint eigentlich jemand, wenn er/sie … sagt, und wie wird das von dem Empfänger aufgefasst?“
Die Pragmatik fasst das tatsächliche Sprechen als Handlung auf und spricht von sogenannten „“. Wer spricht, handelt! Die Pragmatik ist im Rahmen der alltagsintegrierten Sprachbildung ein wesentlicher Bereich, weil zum Beispiel viele Sprachbildungsstrategien auf Fragestellungen der Pragmatik zurückgreifen und das sprechende Kind als handelndes Kind verstanden wird.
Prosodie
Die Prosodie ist eigentlich kein „Sprachbereich“, keine eigenständige linguistische Ebene. Die Prosodie umfasst alle Eigenschaften einer Lautsprache, die nicht an die Laute selbst gebunden sind. Dazu gehören: Pausen, Wort- und Satzakzent (Betonung), (Wort- und Satzmelodie), Rhythmus und Sprechtempo. Da die Prosodie aber aufs Engste mit dem Erwerb der Lautsprache verbunden ist und für die Sprachentwicklung eine große Rolle spielt, soll dieser Bereich im Rahmen der linguistischen Ebenen bzw. Sprachbereiche zumindest erwähnt werden.
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