Elternarbeit & Grundlagen 9 Min. Lesezeit

Spracherwerbstheorien und ihre Bedeutung für die Sprachbildung

Im Folgenden werden wesentliche Spracherwerbstheorien dargestellt. Je nach zugrunde gelegter Theorie ergeben sich im pädagogischen Umgang mit Sprache unterschiedliche Schwerpunkte. Die dargestellten Modelle des Spracherwerbs bilden nicht die Realität ab, sondern dienen als strukturierende Hilfsmittel zur Erklärung von und Zusammenhängen. Alle Spracherwerbstheorien setzen voraus, dass Sprachfähigkeit dem Menschen eigen ist, Kinder über grundlegende Voraussetzungen für den Spracherwerb verfügen, eine geeignete sprachliche Umwelt benötigen und Voraussetzungen sowie Umwelt ineinandergreifen, damit Spracherwerb stattfindet.

Von Udo Elfert
Inhalt0%

Spracherwerbstheorie 1: Der Behaviorismus

Der behavioristische Ansatz des Spracherwerbs wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von John B. Watson begründet und in den 1950er Jahren durch Burrhus F. Skinner weiterentwickelt. Der behavioristische Ansatz in seiner Reinform gilt als überholt. Für den kommt das Kind als unbeschriebenes Blatt () zur Welt und wird von der Umwelt geprägt. Die zentrale These von Skinner lautet, dass Kinder Sprache erwerben, weil die Umwelt auf richtige Lautäußerungen mit Lob (verstärkend) reagiert und auf falsche Lautäußerungen neutral oder negativ. Diese Form des Lernens wird als bezeichnet. Je häufiger eine Lautäußerung oder ein Wort verstärkt wird, desto mehr festigt sie sich im Sprachrepertoire des Kindes. Eine weitere Grundlage für den Spracherwerb ist laut Skinner die von Lautkombinationen und Wörtern, die ebenfalls durch die Umwelt verstärkt werden.

> Behaviorismus: Spracherwerb erfolgt durch Imitation und Verstärkung

Für den behavioristischen Ansatz ist das Kind eine Black-Box, während innere Prozesse wie und Emotionen unberücksichtigt bleiben. Der Behaviorismus kann weder den Erwerb des komplexen Regelsystems einer Sprache noch die Aneignung sprachanalytischer Fähigkeiten erklären. Ein wesentlicher Kritikpunkt besteht darin, dass menschliches Leben und Sprache komplexer und vielschichtiger sind, als es behavioristische Theorien beschreiben.

Spracherwerbstheorie 2: Nativismus

Der Behaviorismus wurde vor allem von Noam Chomsky kritisiert. Nach Chomsky ist Sprache zu umfassend, als dass sie von einem Kind in kurzer Zeit einzig durch Imitation und Verstärkung erworben werden kann. Es wird daher angenommen, dass ein Kind keine Tabula rasa darstellt, sondern über angeborene Begabungen und Fähigkeiten – vorprogrammierte mentale Schablonen – verfügt, die Spracherwerb ermöglichen. Nach Chomsky enthalten alle menschlichen Sprachen gemeinsame grammatische Prinzipien (). Insofern entwickelt sich relativ unabhängig von der .

> : Spracherwerb erfolgt entlang angeborener sprachspezifischer Fähigkeiten

Auch der Nativismus ist erheblicher Kritik ausgesetzt. Gegen die Annahme einer angeborenen Universalgrammatik spricht beispielsweise, dass es Sprachen mit völlig unterschiedlichen Grammatiken gibt, die sich nicht durch eine einzige zugrunde liegende Grammatik beschreiben lassen. Zudem kann diese Spracherwerbstheorie nicht erklären, warum für den Spracherwerb nicht sprachspezifische Fähigkeiten wie die Bildung von Kategorien oder die Erfassung von Beziehungen genutzt werden. Chomsky hat seine ursprüngliche Theorie mehrfach angepasst; der Nativismus in seiner Urform gilt als überholt.

Spracherwerbstheorie 3: Kognitivismus

Der wichtigste Vertreter des ist Jean Piaget. Piaget und der Kognitivismus verstehen Spracherwerb als besondere Form des kognitiven Lernens und als Teil der Gesamtentwicklung des Kindes. Sprache lässt sich demnach nicht isoliert betrachten, sondern ist als Ausdruck der gesamten kognitiven Entwicklung zu verstehen. Zu den kognitiven Fähigkeiten, die dem Spracherwerb zugrunde liegen, gehören:

  • : Die Erkenntnis, dass Dinge auch dann existieren, wenn sie nicht wahrnehmbar sind. Die Objektpermanenz entwickelt sich im siebten und achten Lebensmonat.
  • : Die Erkenntnis, dass Zeichen für stehen können. So kann ein Bauklotz ein Symbol für ein Auto sein, ebenso wie das Wort „Auto“ symbolisch für ein reales Auto steht. Das Symbolverständnis ist bei den meisten Kindern zwischen dem 18. und dem 24. Lebensmonat ausgeprägt.
  • : Die Fähigkeit zur Bildung von Annahmen über Bewusstseinsvorgänge anderer Personen, etwa das Vermuten von Gefühlen, Absichten oder Meinungen, die von den eigenen abweichen. Kinder mit einer können die Perspektive anderer einnehmen (Perspektivwechsel). Voll entwickelt ist eine Theory of Mind bei den meisten Kindern im Alter von etwa vier bis fünf Jahren.

Der Spracherwerb erfolgt auf der Basis kognitiver Fähigkeiten, die sich durch die Auseinandersetzung des Kindes mit der Umwelt herausbilden. Auf Basis konkreter sinnlicher Erfahrungen erlangt das Kind zunehmend die Fähigkeit, losgelöst von konkreten Gegenständen oder Ereignissen zu denken und zu sprechen.

> Kognitivismus: Spracherwerb erfolgt auf der Basis von kognitiven Fähigkeiten, die sich durch die konkrete Erfahrung mit der Welt bilden

Beispiel: Ein Kind entwickelt eine Vorstellung von einem Ball durch Sehen (Farbe), Anfassen (Beschaffenheit) und Anstößen (Bewegung). Es benennt das Objekt zunächst als „Ball“, später als „Wo ist der Ball?“ und schließlich im abstrakteren . Die konkrete ganzheitliche Erfahrung wird durch das Wort repräsentiert. Durch Objektpermanenz und Symbolfunktion ist das Kind in der Lage, über einen Ball zu sprechen, auch wenn kein konkretes Objekt wahrnehmbar ist. Die ersten Worte eines Kindes repräsentieren konkrete Erfahrungen und sind unmittelbar mit diesen verknüpft. Daher besitzt die Muttersprache, in der ein Kind diese Worte erwirbt, zentrale Bedeutung für die weitere kognitive Entwicklung.

Grundlegende Voraussetzung für kognitive und sprachliche Entwicklung ist die konkrete Erfahrung der Umwelt mit allen Sinnen. Durch sie werden Vorstellungen von Gegenständen erworben, verfeinert, verinnerlicht und durch Wörter symbolisiert. Später erfolgt eine weitere Abstraktion durch Hypothesenbildung und Diskurs auf Basis innerer Logik. Dem Spracherwerb liegen demnach verschiedene kognitive Fähigkeiten zugrunde; umgekehrt stellt Sprache einen wichtigen Faktor für die weitere kognitive Entwicklung dar, beispielsweise als Voraussetzung für abstraktes Denken.

Sprachtheorie 4: Interaktionismus

Der wurde von Jerome Bruner entwickelt. Er hat die Voraussetzungen des Spracherwerbs um ein angeborenes Spracherwerbs-Unterstützungssystem (LASS: Language Acquisition Support System) ergänzt. Bruner geht davon aus, dass sich bestimmte logische Strukturen, die für den Spracherwerb bedeutsam sind (wie die -Objekt-Unterscheidung), durch die Eltern-Kind-Interaktion im Spiel während der herausbilden. Damit wird im Vergleich zu Nativismus und Kognitivismus die Rolle der sozialen Umwelt in den Vordergrund gestellt. Kinder verfügen über angeborene Lernfähigkeit und interagieren automatisch mit der sozialen Umwelt. Erwachsene Bezugspersonen besitzen komplementäre Kompetenzen, die Interaktion so zu gestalten, dass Spracherwerb stattfindet und unterstützt wird.

> Interaktionismus: Spracherwerb erfolgt durch die Interaktion mit der sozialen Umwelt, vor allem zwischen Eltern und Kind.

Zu diesen Kompetenzen gehört beispielsweise die im ersten Lebensjahr: deutliche , erhöhte Stimmlage, klare Betonung, kurze Sätze und zahlreiche Wiederholungen. Unterstützende Interaktionen werden von Erwachsenen an den des Kindes angepasst. So wird die Ammensprache über das erste Lebensjahr hinaus kaum verwendet, während andere Formen kindgerechter Sprache wie die Stützende Sprache () und in den Vordergrund treten.

Das folgende Beispiel für den Spracherwerb in Interaktion ist entnommen und leicht verändert aus: vgl. Bruner, J. (2008): Wie das Kind sprechen lernt. Bern: Huber

Beispiel: Die Mutter versteckt ihr Gesicht hinter einem Tuch und sagt: „Tschüss!“ Sie guckt wieder hinter dem Tuch hervor und ruft: „Hallo!“ Richard schaut zu und lacht und babbelt. Mit 1;2 Jahren versteckt Richard selbst sein Gesicht, lässt es hervorkommen, die Mutter ruft „Hallo!“ Mit 1;9 Jahren versteckt er Puzzleteile in einem Topf. Er holt jedes einzelne hervor und ruft jedes Mal: „Hallo Haus!“ Er lässt es verschwinden und ruft: „Tschüss Haus!“ Während dieses Spiels klingelt es an der Tür. Richard zeigt auf die Tür und ruft: „Hallo!“ In diesem Alter sagt er: „Hallo!“, wenn sein Vater nach Hause kommt, und „Tschüss!“, wenn er das Haus verlässt.

Hier noch ein Beispiel für die Stützende Sprache (Scaffolding), bei der Sprache ebenfalls auf der Basis von Interaktion erworben wird.

Beispiel: Erwachsener: „Oh, schau mal, was das ist!“ (Aufmerksamkeit wird durch einen Ausruf auf das Bild gelenkt.) Erwachsener: „Was ist das nur?“ (Es wird auf das Bild gedeutet und gefragt.) Erwachsener: „Das ist ein/e …“ (Nachdem das Kind mit Lächeln oder Babbeln geantwortet hat, wird das Objekt benannt.) Kind: „(Ein/e) …“ Erwachsener: „Ja, das stimmt. Das ist ein/e …“ (Die Antwort des Kindes wird bestätigt und wiederholt.)

Sprache wird dem Interaktionismus zufolge durch wiederholtes Spiel, vertraute Routinen und gleichbleibende Handlungsabläufe erworben. Mit fortschreitender Entwicklung werden Interaktionen vielfältiger, und das Kind übernimmt zunehmend den aktiven Part. Das Gelernte wird schrittweise auf neue Situationen übertragen.

Zusammenfassend stellt jede Spracherwerbstheorie spezifische Aspekte in den Vordergrund: Imitation und Verstärkung sind im Behaviorismus von Bedeutung; angeborene Fähigkeiten bilden die Grundlage im Nativismus; kognitive Voraussetzungen wie Objektpermanenz und Symbolverständnis prägen den Kognitivismus; und Interaktion sowie gemeinsame Handlungen definieren den Interaktionismus.

---