Was sukzessiv bedeutet: Zeitliche Abfolge als Merkmal
Das lateinische Wort „sukzessiv" bedeutet „aufeinanderfolgend". Beim sukzessiven Bilingualismus – auch sekundärer Bilingualismus – erwirbt ein Kind eine zweite Sprache, wenn die bereits in Grundzügen vorhanden ist. Der maßgebliche Zeitpunkt liegt nach dem vollendeten zweiten Lebensjahr, nach 2;0.
Zum Vergleich: Beim primären oder simultanen Bilingualismus hört ein Kind von Geburt an oder ab dem ersten Lebensjahr regelmäßig und intensiv zwei Sprachen und erwirbt beide als Erstsprachen. Der Unterschied beschreibt den zeitlichen und entwicklungspsychologischen Ausgangspunkt des Sprachkontakts.
Für pädagogische Fachkräfte ist diese Unterscheidung relevant: Kommt ein Kind mit 3;0 in die Kita und hört dort erstmals regelmäßig Deutsch, liegt eine gefestigte Grundstruktur der Erstsprache vor. Diese vorhandene Sprachbasis ist eine Ressource.
Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache – drei Begriffe, die sich nicht ersetzen
Im pädagogischen Alltag werden diese drei Begriffe teils verwendet. Fachlich bezeichnen sie unterschiedliche Erwerbsprozesse.
Die Erstsprache ist die Sprache mit frühestem intensiven Kontakt. Sie wird häufig auch Muttersprache genannt – beide Bezeichnungen meinen dasselbe. Entscheidend ist nicht, welche Sprache die Mutter spricht, sondern welche Sprache in den ersten Lebensmonaten kontinuierlich und intensiv präsent ist.
Die Zweitsprache ist eine weitere Sprache, die nach der Erstsprache und vor dem Abschluss des kindlichen Spracherwerbs erworben wird. Dieser Abschluss liegt in der Regel zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr. Eine Zweitsprache wird wie eine Erstsprache durch Immersion erworben – durch intensiven, alltäglichen Kontakt in einem natürlichen sozialen Umfeld. Die Kita ist für viele Kinder ein Ort des .
Die Fremdsprache wird nach dem Abschluss des kindlichen Spracherwerbs gelernt. Sie ist meist kein Teil des Alltags, sondern wird in einem institutionellen Rahmen vermittelt – im Unterricht, mit bewussten Lernmethoden und ohne vollständige Immersion. Der Erwerb verläuft kognitiv anders als der frühe Zweitspracherwerb.
Diese Unterscheidungen haben praktische Konsequenzen: Wenn ein fünfjähriges Kind in der Kita Deutsch erwirbt, geschieht dies in einem Beziehungs- und Handlungskontext, der dem natürlichen Erstspracherwerb ähnelt. Das unterscheidet sich qualitativ vom späteren schulischen Lernen einer Fremdsprache.
Bilingualismus und Bilingualität: Prozess und Zustand
Diese zwei Begriffe beschreiben Unterschiedliches und sind nicht gleichzusetzen.
Bilingualismus bezeichnet den Prozess des Erwerbs zweier Sprachen. Beschrieben wird, was passiert: Ein Kind nimmt eine neue Sprache auf, verarbeitet sie, erprobt Strukturen und entwickelt sprachliches Wissen. Der Prozess dauert Jahre und verläuft individuell.
Bilingualität beschreibt den Zustand der . Sie ist das Ergebnis eines abgeschlossenen oder weit fortgeschrittenen Erwerbsprozesses. Wer in zwei Sprachen kommunizieren kann, befindet sich im Zustand der Bilingualität.
Im Kita-Alltag begegnen pädagogische Fachkräfte vor allem Kindern im laufenden Prozess des sukzessiven Bilingualismus. Sprachentwicklung wird in Echtzeit beobachtet. Der Prozess braucht Zeit; Phasen mit geringerer Sprechaktivität oder Sprachwechseln gehören dazu.
Der 24-Monats-Marker: Wann wird Deutsch zur weiteren Erstsprache?
Eine häufige Frage in Kita-Teams lautet: Gilt Deutsch für ein Kind, das früh in die Krippe kommt, als Erst- oder als Zweitsprache?
Die Antwort hängt von Zeitpunkt und Intensität des Kontakts ab. Kommt ein Kind mit weniger als 2;0 in eine Einrichtung und hat dort regelmäßigen, intensiven Kontakt zur deutschen Sprache, kann Deutsch den Status einer weiteren Erstsprache erlangen. Entscheidend ist der intensive Sprachkontakt vor dem vollendeten zweiten Lebensjahr.
Ein Beispiel: Ein Kind tritt mit 1;6 in die Krippe ein. Die Eltern sprechen zu Hause Türkisch. In der Einrichtung hört das Kind täglich Deutsch – im Spiel, beim Essen, in . Unter diesen Bedingungen verläuft der Deutscherwerb simultan. Deutsch wird zu einer zweiten Erstsprache.
Tritt dasselbe Kind erst mit 2;6 in die Einrichtung ein, hat die türkische Sprache bereits eine stabile Grundlage. Der Erwerb des Deutschen beginnt sukzessiv – als Zweitsprache auf einer vorhandenen erstsprachlichen Basis.
Diese Unterscheidung beeinflusst die Einordnung des Spracherwerbsstands und die Einschätzung entwicklungstypischer .
Was sukzessiver Spracherwerb für die Begleitung bedeutet
Kinder, die erwerben, bringen ihre Erstsprache als Ressource mit. Kommunikationserfahrungen, grammatisches Grundwissen und ein Gespür für Sprachstrukturen sind vorhanden, auch wenn diese in einer anderen Sprache verankert sind. Dieses Vorwissen trägt den neuen Spracherwerb.
In der heißt das: Es wird an vorhandene Kompetenzen und Wissensbestände angeknüpft. Passende – inhaltlich stimmige und dem angepasste sprachliche Reaktionen auf Kindäußerungen – werden gegeben, auch wenn sich ein Kind zunächst in seiner Erstsprache äußert oder eher nonverbal kommuniziert.
Zu beachten ist die sogenannte Phase der Stille zu Beginn des Zweitspracherwerbs. In dieser Zeit wird intensiv zugehört und intern sprachliches Wissen aufgebaut, ohne es bereits aktiv zu produzieren. Diese Phase ist Ausdruck aktiver Verarbeitungsprozesse.
Eine kleine Praxisanregung: In der Einrichtung kann ein wöchentlicher Moment eingerichtet werden, in dem das Team gemeinsame sprachliche Beobachtungen bei mehrsprachigen Kindern bespricht – nicht zur Defizitbenennung, sondern zur Sichtbarmachung von Entwicklungsschritten und zur Schärfung des Blicks für individuelle Verläufe. Welche Situationen haben das Kind zum Sprechen eingeladen? In welcher Sprache hat es sich geäußert? Welche Response passte?
Späte Erstsprache oder frühe Fremdsprache? Eine wichtige Grenze
Ab dem sechsten Lebensjahr verändert sich die Ausgangslage für den Erwerb einer neuen Sprache. Der kindliche Erstspracherwerb ist in diesem Alter in der Regel weitgehend abgeschlossen. Eine neue Sprache, die jetzt hinzukommt, wird nicht mehr im gleichen natürlichen Prozess erworben wie eine Erst- oder frühe Zweitsprache. Es wird vom späten Zweitspracherwerb beziehungsweise vom frühen Fremdspracherwerb gesprochen; beide Bezeichnungen werden für diesen Zeitraum synonym verwendet.
Kinder, die erst mit oder nach dem Schuleintritt mit einer neuen Sprache in Kontakt kommen, lernen diese zunehmend über bewusstere kognitive Wege. Das verändert die Art der pädagogischen Begleitung: Handlungsbezogener, kontextreicher Sprachkontakt bleibt bedeutsam, erhält aber eine andere Qualität als in der frühen Kindheit.
Diese Grenze zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr ist keine feste Linie, sondern ein Entwicklungsfenster. Kinder schließen ihren Erstspracherwerb zu unterschiedlichen Zeitpunkten ab. Die Übergänge sind fließend. Diese Orientierung verdeutlicht, warum früher Sprachkontakt in Krippe und Kita für den Zweitspracherwerb bedeutsam ist.
Für die Arbeit in Einrichtungen bieten sich Leitfragen an: Welche Kinder befinden sich aktuell in einem sukzessiven Spracherwerb, und wie wird die Umgebung so gestaltet, dass ihre Erstsprache als Ressource sichtbar bleibt und sie gleichzeitig im Deutschen wachsen können?
