Mehrsprachigkeit & Vielfalt 7 Min. Lesezeit

Visuelle Unterstützung beim Zweitspracherwerb durch das Mundbild

Sprache hören und Sprache sehen sind im Spracherwerb eng verknüpft. Lange bevor Kinder erste Wörter sprechen, schauen sie auf die Gesichter der Menschen, die mit ihnen reden. Lippen-, Zungen- und Kieferbewegungen werden mit dem gleichzeitig Gehörten verbunden. Diese Wahrnehmung der Artikulationsbewegungen — das — ist mehr als ein Begleitphänomen des Sprachlernens. Sie fungiert als zentraler Eingangskanal, besonders für Kinder, die erwerben. Für Kinder mit einer anderen , die in der Kita oder Grundschule mit dem Deutschen in Berührung kommen, stellt das Mundbild eine besondere Lernhilfe dar. Laute, Lautverbindungen und , die im Deutschen anders klingen als in der , lassen sich leichter erschließen, wenn die Lippen- und Mundbewegungen der sprechenden Person sichtbar sind. Ist das Mundbild verdeckt — etwa durch eine Mund-Nasen-Bedeckung oder großen Abstand —, entfällt diese visuelle Stütze. Verstehen und Lernen werden dadurch erschwert. Dieser beleuchtet, warum das Mundbild im Spracherwerb Gewicht hat, welche Rolle es speziell beim spielt und was pädagogische Fachkräfte daraus für ihre Praxis ableiten können.

Von Udo Elfert
Inhalt0%

Sehen und Hören als gemeinsames System

Der Spracherwerb nutzt von Beginn an mehrere Sinne. Zwischen dem sechsten und achtzehnten Lebensmonat richtet sich die Aufmerksamkeit von Kindern besonders auf die Mundzone der Bezugspersonen. Gehörtes und Gesehenes werden verglichen; daraus entsteht ein feines Gespür für Lautstrukturen.

Diese Verknüpfung zeigt sich im sogenannten : Wenn Menschen gleichzeitig einen Laut hören und einen anderen Laut an den Lippen ablesen, wird häufig ein dritter Laut wahrgenommen — eine Mischung aus beiden. Der Sehsinn überlagert die rein . Das bedeutet: Gehörtes und Gesehenes werden nicht getrennt verarbeitet, sondern zu einem gemeinsamen Eindruck verschmolzen. Daraus folgt: Ist das Mundbild sichtbar, wird die Lautverarbeitung aktiv und messbar unterstützt.

Aufschluss darüber geben Studien zu Kindern mit einer Sehbeeinträchtigung. In der Fachliteratur ist bekannt, dass das Fehlen der visuellen Wahrnehmung von Artikulationsbewegungen den Spracherwerb verlangsamen kann. Dieser Befund verdeutlicht, dass visuelle und auditive Sprachwahrnehmung sich gegenseitig verstärken.

Warum das Mundbild beim Zweitspracherwerb besonders zählt

Deutsch als Zweitsprache (DaZ) bezeichnet den Erwerb der deutschen Sprache durch Kinder und Erwachsene, deren erste Sprache eine andere ist. Der Erwerb erfolgt nicht beiläufig wie bei der Erstsprache, sondern als Aufbau eines neuen Lautsystems — häufig parallel zum Sprechen in der Familiensprache.

Im Deutschen begegnen dabei Laute, die in der Erstsprache nicht oder nur in anderer Form vorkommen. Das deutsche „ü", das „ö", das „ch" in „ich" oder lange Konsonantenhäufungen am Wortanfang sind für viele Kinder zunächst unvertraut. Ohne sichtbares Mundbild ist die Aufgabe, sich auf das Gehörte allein zu stützen, deutlich anspruchsvoller als mit gleichzeitiger von Lippenform, sichtbaren Zähnen oder Mundöffnung.

Das Mundbild liefert zusätzliche phonetische Information — Information über die Entstehungsweise eines Lautes. Für Kinder, die ein neues Lautsystem erwerben, kann diese Information entscheidend sein. Gehörtes wird eingeordnet und eigene Ausspracheversuche werden überprüft. Ist das Mundbild nicht zu sehen, fällt dieser Informationskanal weg; die Differenzierung und Speicherung allein über das Gehör erfordert mehr Aufwand.

Mundbild und Schriftspracherwerb

Der Weg zur Schrift führt über die gesprochene Sprache. Kinder, die Lesen und Schreiben lernen, müssen Laute einer Sprache zunächst zuverlässig wahrnehmen, unterscheiden und im Gedächtnis verankern. Dieser Prozess — der — setzt ein gut repräsentiertes Lautsystem der Schriftsprache voraus.

Kinder, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, befinden sich beim Eintritt in die Grundschule häufig noch in diesem Prozess. Unsicher oder unvollständig wahrgenommene Laute können die erschweren. Die sichtbare der Bezugspersonen während der frühen Sprachbegegnung wirkt über die gesprochene Sprache hinaus — sie legt Grundlagen, die auch für die schriftliche Sprachentwicklung von Bedeutung sind.

Pädagogische Fachkräfte in der Kita und in der Schuleingangsphase übernehmen hier eine Rolle: nicht durch diagnostische Einschätzungen, die in den Bereich logopädischer oder medizinischer Fachkräfte gehören, sondern durch eine sprachlich zugewandte Gestaltung, die das Mundbild sichtbar lässt.

Mimik als zweite Sprache neben dem Wort

Das Mundbild ist in das gesamte Gesicht eingebettet. Kinder lernen früh, zu lesen. Angeborene Gesichtsausdrücke wie Freude, Überraschung oder Unbehagen werden erkannt und zur Einschätzung von Absichten und emotionalen Zuständen genutzt.

Eine wichtige Funktion dieser Mimikwahrnehmung ist die Kongruenzprüfung: Es wird geprüft, ob das, was gesagt wird, mit dem übereinstimmt, was das Gesicht ausdrückt. Ein freundlich gesprochenes „Das war schön" wird anders bewertet, wenn die Mimik Skepsis zeigt. Diese Überprüfung gelingt nur bei sichtbarem Gesicht.

Für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, hat diese nonverbale Verstehensebene besondere Bedeutung. In Momenten, in denen das gesprochene Wort noch nicht vollständig entschlüsselt werden kann, liefert die Mimik Hinweise auf Sinn und Absicht einer Äußerung. Ist das Gesicht verdeckt, entfällt diese Stütze. Missverständnisse entstehen leichter, und soziale Interaktionen sind mit höherem Aufwand verbunden.

Transparente Masken als pädagogisches Hilfsmittel

In Situationen, in denen das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung notwendig oder hygienisch geboten war — wie während der Corona-Pandemie —, boten transparente Masken, also Masken mit Sichtfenster im Mundbereich, einen Ausweg. Sie lassen das Mundbild sichtbar, ohne auf den Schutz durch die Bedeckung zu verzichten.

Für pädagogische Fachkräfte im DaZ- oder in Gruppen mit Kindern mit Hörbeeinträchtigungen können transparente Masken weiterhin sinnvoll sein — unabhängig von einer Pandemielage. Der Grundgedanke ist nicht neu: Das Mundbild hat Bedeutung, und seine Sichtbarkeit stärkt die von Kindern, die auf visuelle Unterstützung angewiesen sind.

In der alltäglichen Sprachbildung ohne Maskenpflicht lautet die Konsequenz: in räumlicher Nähe sprechen, dem Kind zugewandt, für ausreichendes Licht sorgen und in gesprächsintensiven Situationen Abstände wählen, bei denen das Mundbild gut erkennbar ist.

Praktische Konsequenzen für Kita und Schuleingangsphase

Aus dem Vorangegangenen lassen sich konkrete und Rahmenbedingungen ableiten; aufwendige Materialien sind nicht erforderlich:

  • Zugewandtes Sprechen: Das Gesicht in Gesprächen mit einem Kind auf Augenhöhe bringen und direkt zuwenden. Diese Geste wird als Einladung zum Dialog wahrgenommen.
  • Bewusstes Artikulieren: Nicht übertrieben langsam, aber deutlich sprechen. Authentische, nicht künstlich verzerrte Mundbilder helfen am meisten.
  • Räumliche Nähe bei Schlüsselsituationen: Liedeinführungen, neue Vokabeln, das Vorlesen unbekannter — dies sind Momente, in denen das Mundbild besonders viel Orientierung bietet. Rückenposition oder große Gruppenabstände erschweren hier das Lernen.
  • einbeziehen: Es kann sichtbar werden, wie auch in den Erstsprachen Laute gebildet werden. Pädagogische Fachkräfte müssen dafür keine anderen Sprachen sprechen — Neugier und signalisieren .
  • Transparente Masken vorhalten: In Einrichtungen, in denen Kinder mit Hörbeeinträchtigungen oder sehr am Anfang des DaZ-Erwerbs betreut werden, können transparente Masken für besondere Situationen bereitgehalten werden.

Visuelle Sprachunterstützung kostet keine Zeit und kein Material — sie verlangt vor allem Aufmerksamkeit dafür, wie Sprache im Raum erfahrbar wird. In Einrichtungen lässt sich gezielt beobachten: In welchen Alltagssituationen ist das Gesicht der sprechenden Person gut zu sehen, und wo nicht? Was verändert sich, wenn pädagogische Fachkräfte in sprachintensiven Momenten konsequent auf Augenhöhe und von vorn sprechen?