Hören, Aussprache & Sprechen 8 Min. Lesezeit

Artikulationsorte verstehen: Wo Laute im Mund entstehen

Sprechen ist eine körperliche Leistung. Beim Aussprechen von Wörtern wie „Mama", „Ball" oder „Tisch" werden in Bruchteilen einer Sekunde zahlreiche Muskeln, Organe und Bewegungsabläufe koordiniert. Ein Grundverständnis dieser Abläufe unterstützt pädagogische Fachkräfte dabei, Lautentwicklung einzuordnen und nachzuvollziehen, warum manche Laute für Kinder schwerer zugänglich sind als andere. Dieser richtet sich nicht an logopädische Fachkräfte, sondern an pädagogisch Handelnde: an Menschen, die Kinder begleiten, beobachten und sprachlich . Wissen über unterstützt eine bewusstere Sprachverwendung, eine aufmerksamere Wahrnehmung der Lautbildung im Alltag und eine präzisere fachliche Beschreibung beobachteter Phänomene – ohne diagnostische Schlüsse. Konsonanten lassen sich nach zwei grundlegenden Dimensionen beschreiben: nach ihrem Artikulationsort und nach ihrer Artikulationsart. Der Artikulationsort beschreibt, wo im eine Enge oder ein Verschluss entsteht. Die Artikulationsart beschreibt, wie der Luftstrom dabei verändert wird. Dieser Artikel konzentriert sich auf die erste Dimension: den Ort der Lautbildung.

Von Udo Elfert
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Das Werkzeug des Sprechens: Der Vokaltrakt

Laute entstehen als Ergebnis einer koordinierten Zusammenarbeit verschiedener anatomischer Strukturen des sogenannten Vokaltrakts, der Gesamtheit der Hohlräume und Organe oberhalb des Kehlkopfes, durch die der Luftstrom geformt wird: Kehlkopf, Rachen, Mundhöhle und Nasenhöhle.

Innerhalb dieses Systems unterscheidet die – die Wissenschaft von den physikalischen und physiologischen Eigenschaften der Sprachlaute – zwischen aktiven und Artikulatoren. Aktive Artikulatoren bewegen sich; die Zunge ist der wichtigste. Passive Artikulatoren sind ortsfest; dazu zählen Zähne, Zahndamm, harter Gaumen und weicher Gaumen.

Die Zunge ist dabei von besonderer Bedeutung. Mit verschiedenen Teilen ihrer Oberfläche können unterschiedliche Kontaktstellen im Mundraum angesteuert werden. Diese Kontaktpunkte zwischen aktivem und passivem Artikulator bilden die Artikulationsstelle – den Ort, an dem ein Laut durch Annäherung oder Berührung geformt wird. Die Begriffe Artikulationsort und Artikulationsstelle werden in der phonetischen Beschreibung gleichbedeutend verwendet: Gemeint ist der Ort im , an dem durch die Artikulatoren je nach Artikulationsart eine Enge oder ein Verschluss entsteht.

Laute an den Lippen: Bilabiale und Labiodentale

Der vorderste Artikulationsort liegt an den Lippen. Laute, die durch den Kontakt beider Lippen miteinander entstehen, heißen – von lateinisch bi (zwei) und labium (Lippe). Im Deutschen gehören dazu die Konsonanten b, p und m.

Beim seitlichen Anlegen zweier Finger an die Lippen und beim Aussprechen von „Papa" wird das feste Aufeinandertreffen beider Lippen mit anschließender Öffnung spürbar. Bilabiale Laute sind Kindern in der Regel früh zugänglich; sie sind sichtbar, gut zu imitieren und haptisch wahrnehmbar. Das erklärt, warum viele erste bedeutungsunterscheidende Laute in der kindlichen Sprachentwicklung an den Lippen gebildet werden.

Ebenfalls im Lippenbereich, aber mit anderer Beteiligung, entstehen labiodentale Laute: Hier berührt die Unterlippe die oberen Schneidezähne. Im Deutschen betrifft das f und v. Diese Laute sind zwar sichtbar, erfordern koordinativ jedoch etwas mehr Präzision, da Zähne und Lippe genau zusammenwirken müssen.

Laute an den Zähnen und am Zahndamm: Dentale und Alveolare

Etwas weiter hinten im Mundraum befinden sich die Zähne und – direkt dahinter – der Zahndamm, auch Alveolen genannt. Der Zahndamm ist die leicht erhabene, gerillte Struktur unmittelbar hinter den oberen Schneidezähnen. Laute, die dort gebildet werden, heißen .

Zu den alveolaren Lauten im Deutschen gehören t, d, n, s, z, l und r (in einer Variante). Die Zungenspitze oder der vordere Zungenrand tippt an den Zahndamm heran oder bildet dort einen kurzen Verschluss. Beim lauten Aussprechen von „Tanne" zeigt sich der kurze, präzise Kontakt der Zungenspitze direkt hinter den Zähnen.

Alveolare Laute sind im Deutschen besonders häufig. Damit ist die Zungenspitze ein hochaktives und vielseitig eingesetztes Artikulationsorgan. Feinmotorisch erfordert das alveolare Lautrepertoire eine zunehmend differenzierte Zungenkontrolle – etwas, das sich im Verlauf des Vorschulalters schrittweise entwickelt.

Dental gebildete Laute entstehen, wenn die Zungenspitze direkt an den Zähnen ansetzt. Im Deutschen ist das s in manchen Dialekten dental statt alveolar realisiert. In anderen Sprachen, etwa im Englischen oder Arabischen, gibt es dental gebildete Laute als eigenständige .

Laute am harten und weichen Gaumen: Palatale und Velare

Noch weiter nach hinten verschiebt sich der Artikulationsort bei palatalen und velaren Lauten. Palatale Laute entstehen durch die Annäherung des Zungenrückens an den harten Gaumen, das Palatum. Das deutsche ch in „ich" ist ein Beispiel: Der mittlere Zungenrücken wölbt sich dem harten Gaumen entgegen, ohne ihn ganz zu berühren, und erzeugt einen reibenden Luftstrom.

Velare Laute entstehen weiter hinten, am weichen Gaumen – dem . Velar bedeutet am Velum gebildet. Im Deutschen sind k, g und der „ach"-Laut typische Vertreter. Beim lockeren Anlegen der Finger an den Kehlkopfbereich und beim Aussprechen von „Kuh" und anschließend „Gänsefüßchen" ist bei g ein Schwingen tastbar, das bei k ausbleibt. Das betrifft den Stimmklang, nicht den Artikulationsort: Beide Laute entstehen am Velum.

Für Kinder sind velare Laute häufig später zugänglich als bilabiale oder alveolare, da der hintere Teil der Zunge einer bewussten Steuerung schwerer steuerbar ist. Dies stellt keinen Hinweis auf eine Störung dar, sondern einen normalen Aspekt motorischer Reifung.

Artikulationsorte im Überblick: Eine Orientierung

Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Artikulationsorte des Deutschen zusammen. Sie dient als Orientierung für die pädagogische Wahrnehmung – nicht als diagnostisches Raster.

ArtikulationsortKurzbeschreibungBeispiele im Deutschen
bilabialbeide Lippenb, p, m
labiodentalUnterlippe + obere Zähnef, v
alveolarZungenspitze am Zahndammt, d, n, s, z, l
palatalZungenrücken am harten Gaumench (ich-Laut)
velarZungenrücken am weichen Gaumenk, g, ch (ach-Laut)

Diese Tabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit für alle Laute des Deutschen und nicht für andere Sprachen, die Kinder in der Einrichtung mitbringen. Sie liefert eine Orientierung für die pädagogische Fachsprache.

Mehrsprachigkeit und Artikulationsorte

Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, haben mitunter Zugang zu einem breiteren als einsprachige Kinder. Viele Sprachen nutzen Artikulationsorte, die im Deutschen ungewöhnlich oder nicht vorhanden sind. Das Arabische kennt pharyngale Laute, die weit hinten im Rachen gebildet werden. Das Englische hat dentale Laute wie den „th"-Laut, bei dem die Zungenspitze zwischen die Zähne tritt.

Wenn ein mehrsprachiges Kind Laute produziert, die im Deutschen fremd klingen, ist das zunächst ein Zeichen sprachlicher Vielfalt – und kein Hinweis auf eine Auffälligkeit. Pädagogische Fachkräfte können diesem Reichtum mit Neugier begegnen: „Wie wird das zu Hause gesagt?" ist eine fachlich aufschlussreiche Frage.

Umgekehrt kann es vorkommen, dass Kinder Laute aus einer anderen Sprache auf die Lautstruktur des Deutschen übertragen. Das ist ein normaler Teil des Spracherwerbs und ein Zeichen aktiver Regelanwendung, nicht fehlerhafter Produktion.

Was pädagogische Fachkräfte mit diesem Wissen anfangen können

Wissen über Artikulationsorte dient der reflektierten Wahrnehmung und einer präziseren Fachsprache im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, mit Fachberatungen oder – wenn nötig – mit logopädischen Fachkräften.

Konkret kann dieses Wissen zum Beispiel helfen:

  • beim genauen Beschreiben einer : „Das Kind ersetzt k und g konsequent durch t und d" ist fachlich präziser als „Das Kind spricht komisch."
  • beim bewussten Vorleben: Mit dem Wissen, dass alveolare Laute an einem bestimmten Kontaktpunkt entstehen, lässt sich beim sprachlichen Modellieren etwas langsamer und deutlicher sprechen.
  • beim Verstehen, warum manche Laute früher beherrscht werden als andere: Sichtbarkeit, motorische Zugänglichkeit und Häufigkeit im Lautinventar sind wichtige Faktoren.

Eine nützliche Selbsterfahrung: Ein bilabialer Laut wie m wird gesprochen, während die Hand leicht an die Wangenknochen gelegt wird. Anschließend erfolgt der Übergang zu einem alveolaren Laut wie n. Dabei lassen sich Veränderungen der Spannung und Unterschiede im Empfinden feststellen. Diese kurze Übung schärft die Aufmerksamkeit für Lautbildungsprozesse und kann Teil einer Teamfortbildung sein.

Wichtig bleibt dabei: Pädagogische Fachkräfte beschreiben und begleiten. Einschätzungen zur Frage, ob eine bestimmte Lautproduktion klinisch bedeutsam ist, gehören in die Hände logopädischer oder medizinischer Fachkräfte.

Bei der nächsten Beobachtung eines sprechenden Kindes kann erkannt werden, wo im Mundraum ein bestimmter Laut entsteht – und welche motorische Steuerungsleistung dabei erbracht wird.