Hören ist mehr als Zuhören
Beim Spracherwerb interagieren auditive und visuelle Wahrnehmung. Die von Lippenbewegungen erleichtert die Lautunterscheidung, insbesondere in geräuschintensiven Umgebungen wie Gruppenräumen.
bezeichnet das sichtbare Bewegungsmuster von Lippen, Zunge und Kiefer beim Sprechen. Es vermittelt Informationen über Lautentstehung, Lippenstellungen sowie Öffnungs- und Schließungsprozesse des Mundes. Im Alltag, etwa beim Frühstück, beobachtet ein Kind bei der Nennung des Wortes „Milch“ den Lippenschluss und die anschließende Mundöffnung. Diese visuelle Information ergänzt den auditiven Eindruck.
Eng damit verbunden ist die , also die Bildung von Sprachlauten durch das Zusammenspiel der Sprechwerkzeuge. Bei der Beobachtung der Lippenformung während der Artikulation des Wortes „Puste" erfolgt eine Verknüpfung des akustischen Signals mit der visuellen Bewegung. Diese multisensorische Verknüpfung unterstützt die Entwicklung des Lautrepertoires.
Der Mc-Gurk-Effekt: Wenn Augen das Hören verändern
Der Einfluss visueller Eindrücke auf die auditive Wahrnehmung zeigt sich im Mc-Gurk-Effekt. Dieses Phänomen beschreibt die veränderte Lautwahrnehmung bei gleichzeitiger Darbietung eines abweichenden Mundbildes. Bei akustischer Darbietung der Silbe „ba" und gleichzeitiger visueller Präsentation der Lippenbewegung für „ga" erfolgt häufig die Wahrnehmung der Silbe „da" als Kombination beider Modalitäten. Visuelle Reize beeinflussen die auditive Wahrnehmung bei Kindern unmittelbar; ein klar erkennbares Mundbild unterstützt folglich die Lautwahrnehmung.
Bedeutung für Kinder mit besonderen Ausgangslagen
Das Mundbild ist für alle Kinder von Bedeutung und erweist sich in spezifischen als besonders relevant:
- Kinder in frühen Phasen des Lauterwerbs, die Artikulationsbewegungen imitieren.
- Mehrsprachig aufwachsende Kinder beim Erschließen neuer Laute weiterer Sprachen.
- Kinder mit temporären Hörbeeinträchtigungen, beispielsweise infolge eines .
- Kinder mit erhöhtem Bedarf an visuellen Orientierungspunkten in unruhigen Situationen.
Die visuelle Erkennbarkeit des Mundes bildet ein pädagogisches Rahmenmerkmal. Abklärungen zur Hörfähigkeit oder zu spezifischen Lautbildungsauffälligkeiten obliegen medizinischen oder logopädischen Fachstellen.
Sprechsituationen bewusst gestalten
Die Nutzung des Mundbildes durch Kinder ist von der Gestaltung der Sprechsituation abhängig. Folgende Aspekte sind dabei relevant:
- Augenhöhe: Durch Einnahme der Augenhöhe (etwa durch Sitzen oder Hocken) wird die Sichtbarkeit des Gesichts für das Kind sichergestellt.
- Beleuchtung: Die Positionierung im Raum vermeidet Gegenlicht, wodurch die Erkennbarkeit der Mundpartie erhöht wird.
- Blickachse: Das Freihalten des Mundbereiches von Gegenständen oder Händen während des Sprechens unterstützt die visuelle Wahrnehmung.
- Situationen: Alltägliche Handlungen wie Anziehen, Wickeln oder der Morgenkreis bieten günstige Bedingungen für Kommunikationssituationen mit .
- Sprechweise: Eine deutliche, jedoch natürliche ohne Überzeichnung der Mundbewegungen gewährleistet ein authentisches Mundbild.
Auch die profitiert von einem sichtbaren Mundbild. Zeigt ein Kind auf ein Bilderbuch und äußert „Hund", erfolgt eine sprachliche Bezugnahme im direkten Blickkontakt: „Ja, ein großer Hund. Der Hund bellt.“ Die gleichzeitige auditive und visuelle Darbietung verbindet das gehörte Wort mit der sichtbaren Lautformung im gemeinsamen Dialog.
Kleine Rituale mit großer Wirkung
Spielerische Zugänge wie Spiegelbeobachtungen, Atem- und Pustejpiele mit Federn, Tierlaute oder Reime mit sichtbarer veranschaulichen das Mundbild. Derartige Interaktionen integrieren visuelle Sprachelemente in den pädagogischen Alltag.
Zusammenführung und Reflexion
Das Mundbild stellt eine alltagstaugliche Ressource der Sprachbildung dar. Die visuelle Erkennbarkeit der Lautentstehung unterstützt den Spracherwerb. Eine entsprechende Gestaltung der Sprechsituation hinsichtlich Positionierung, Beleuchtung und Blickachse begünstigt diesen Prozess.
Abschließend ist zu prüfen, in welchen Alltagssituationen das Gesicht für Kinder gut sichtbar ist und wie Kommunikationssituationen entsprechend gestaltet werden können.
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