Was eine myofunktionelle Störung ausmacht
Das Muskelungleichgewicht betrifft nicht einzelne Muskeln in Isolation, sondern das Zusammenspiel der gesamten orofazialen Muskulatur. Lippen, Zunge, Wangen- und Kiefermuskeln müssen beim Schlucken, Kauen und Sprechen präzise zusammenwirken. Ist dieses Gleichgewicht gestört, treten häufig kompensatorische Muster auf.
Ein verbreitetes Beispiel ist das infantile Schluckmuster: Dabei schiebt die Zunge beim Schlucken gegen oder zwischen die Zähne, statt sich am Gaumen abzustützen. Dieses Muster ist im Säuglingsalter normal und entwickelt sich in den meisten Fällen bis etwa zum zweiten Lebensjahr um. Bleibt es darüber hinaus bestehen, kann es als Hinweis auf eine myofunktionelle Störung gewertet werden – die Einordnung obliegt logopädischen Fachkräften oder medizinischen Fachpersonen.
Auch eine dauerhaft niedrige Zungenruhelage – die Zunge liegt entspannt am Mundboden statt am Gaumen – sowie ein fehlender oder inkonstanter Mundschluss sind beobachtbare Muster, die im pädagogischen Alltag auffallen können.
Auswirkungen auf Gebiss, Kiefer und Artikulation
Die MFS ist kein rein funktionelles Phänomen. Über längere Zeit kann das gestörte Muskelgleichgewicht körperliche Entwicklungsprozesse beeinflussen. Zunge und Lippen üben beim Schlucken und beim Atmen kontinuierlich Druck auf Zahnbögen und Kiefer aus. Stimmt das Kräfteverhältnis nicht, kann sich das auf die Zahnstellung und das Kieferwachstum auswirken.
Kinder mit MFS zeigen in manchen Fällen einen im Frontzahnbereich, also eine Lücke zwischen Ober- und Unterzähnen bei geschlossenem Kiefer, oder einen ausgeprägten, hochgewölbten Gaumen. Im Fachbereich wird dieser als bezeichnet. Solche anatomischen Besonderheiten können die Lautbildung erschweren.
Der bekannteste Zusammenhang besteht mit – dem Lispeln. Wenn die Zunge beim Sprechen zwischen die Zähne oder an die Zahnreihen tritt, verändert sich das S. Pädagogische Fachkräfte beobachten, die diagnostische Einordnung sowie Abklärung und Behandlung erfolgen durch logopädische oder medizinische Fachpersonen.
Was im Kita-Alltag beobachtbar sein kann
Pädagogische Beobachtung und logopädische sind getrennte Handlungsebenen. Im Alltag erfolgt systematisches Wahrnehmen beim gemeinsamen Essen, beim Sprechen und beim Spielen; Diagnosen werden nicht gestellt.
Folgende Beobachtungsanlässe können relevant sein:
- Der Mund bleibt häufig geöffnet, auch in Ruhe und ohne Erkältung.
- Es wird vorwiegend einseitig gekaut oder bestimmten Speisen ausgewichen.
- Speichel tritt häufiger aus dem Mundwinkel aus, obwohl das Kind schon älter als 3;0 Jahre ist.
- Die Zunge ist beim Sprechen oder Schlucken sichtbar zwischen den Zähnen.
- Überwiegend Mundatmung statt Nasenatmung.
Keine dieser Beobachtungen erlaubt allein eine Einschätzung, ob eine MFS vorliegt; es sind Beobachtungsanlässe, keine Diagnosepunkte. Häufen sich solche Beobachtungen, bietet sich ein Gespräch mit den Eltern an, verbunden mit dem Hinweis, eine medizinische Fachperson oder logopädische Fachkraft einzubeziehen.
Zusammenhänge mit Muskelspannung und Gesundheit
Myofunktionelle Störungen stehen häufig nicht allein. Sie treten manchmal im Zusammenhang mit einer allgemeinen oder partiellen auf – einer herabgesetzten Muskelspannung, die nicht nur den Mundbereich, sondern den gesamten Körper betreffen kann. Bei Muskelhypotonie wirkt die in Ruhe wie auch bei Bewegung insgesamt weniger gespannt; beim Kauen kann Ermüdung schneller auftreten.
Ein dauerhaft geöffneter Mund kann die Nasenschleimhäute als natürlichen Filter für Atemluft umgehen. Das steht in Verbindung mit einem erhöhten Risiko für wiederkehrende Infektionen im HNO-Bereich, etwa im Bereich der oder der Mandeln. Diese Zusammenhänge belegen, dass eine mögliche MFS im Gesamtkontext der kindlichen Entwicklung zu betrachten ist.
Rolle und Haltung der pädagogischen Fachkraft
Aufgabe der pädagogischen Fachkraft sind Beobachtung, Begleitung und Unterstützung; Diagnostik und Therapie werden nicht übernommen. Diese Abgrenzung reduziert Fehlzuordnungen und fördert die Zusammenarbeit mit spezialisierten Fachstellen.
Bei entsprechenden Beobachtungen bietet sich ein sachliches, ressourcenorientiertes an. Formulierungen wie „Mir ist aufgefallen, dass Lena beim Essen häufig den Mund geöffnet hat – haben Sie das auch schon bemerkt?" ermöglichen gemeinsame ohne Bewertung.
Im Kita-Alltag eignen sich mundmotorische Spielangebote ohne therapeutische Zielsetzung, die die Wahrnehmung im Mundbereich allgemein anregen – etwa gemeinsames Blasen, Schnaufen oder das Experimentieren mit verschiedenen Lebensmittelkonsistenzen. Diese Angebote bereichern die sensorische Erfahrungswelt aller Kinder und stellen keine Sonderbehandlung dar.
Myofunktionelle Störungen zeigen sich oft in kleinen, alltagsnahen Momenten – am Mittagstisch, beim Vorlesen, im . Welche Beobachtungssituationen in Einrichtungen bieten regelmäßig Gelegenheit, das Zusammenspiel von Atmung, Mundschluss und Kauen wahrzunehmen, ohne bewertenden Blick?
