Hören, Aussprache & Sprechen 9 Min. Lesezeit

Stottern und Entwicklungsstottern bei Kindern

Das () ist eine sehr bekannte Redeflussstörung. Etwa 1 % aller Erwachsenen stottern. Entsprechend finden sich sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart viele prominente Stotterer: Bruce Willis, Winston Churchill, Sir Isaac Newton, Charles Darwin, Rowan Atkinson („Mr. Bean“), Marilyn Monroe, Samuel L. Jackson oder Albert Einstein – um nur einige zu nennen. In dieser Aufzählung findet sich nur eine Frau. Das hängt damit zusammen, dass Stottern bei Jungen bzw. Männern deutlich häufiger auftritt als bei Mädchen bzw. Frauen: Auf 3–4 stotternde Jungen kommt etwa ein stotterndes Mädchen.

Von Udo Elfert
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Entwicklungsstottern: Begriffsbestimmung und Verlauf

Von 100 Kindern stottern während der Sprachentwicklung etwa 5 Kinder. Bei 4 von diesen 5 stotternden Kindern legt sich das Stottern wieder von alleine. In diesem Fall spricht man von Entwicklungsstottern.

Eine Benennung als Entwicklungsstottern ist retrospektiv möglich. Zum Zeitpunkt, an dem das Stottern bei einem Kind auftritt, lassen sich lediglich Stottersymptome beobachten – ob sich das Stottern wieder von alleine legen wird oder nicht, bleibt offen. Wenn ein Kind Stottersymptome zeigt, wird dies fachlich als Vorliegen von Stottersymptomen und nicht als Entwicklungsstottern bezeichnet.

Beim Stottern können sich symptomarme und symptomreiche Phasen abwechseln. Häufig tritt das Stottern in bestimmten Situationen verstärkt auf.

Was ist eine Redeflussstörung?

Stottern als Redeflussstörung bedeutet, dass der Sprechfluss dem Gesprächspartner bzw. Zuhörer als ungewöhnlich auffällt, ohne dass die Unterbrechungen bewusst als stilistisches Element – zum Beispiel als Sprechpause, um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen – oder zur Gewinnung von Zeit für die weitere Sprechplanung genutzt werden. Letzteres wären sogenannte .

Beim Stottern werden von unterschieden. Primärsymptome werden auch als Kernsymptome und Sekundärsymptome als Begleitsymptome bezeichnet. Die Begriffe Primär- und Sekundärsymptome treffen es jedoch besser, weil eine zeitliche Abfolge besteht: Zunächst treten die Primärsymptome auf, später kommen dann die Sekundärsymptome hinzu.

Primärsymptome (Kernsymptome)

Primärsymptome treten zu Beginn dieser Redeflussstörung auf. Zu ihnen gehören im Wesentlichen drei Erscheinungsformen:

1. Wiederholung von Lauten, Lautkombinationen oder Silben

  • „Ich k-k-k-k-k-komme bald in die Schule.“
  • „Bau- Bau- Bau- Baumhaus.“
  • „Ich ma-ma-ma-mache das selber.“

2. Dehnung von Lauten

  • „Ich kommmmme bald in die Schule.“
  • „Baummmmmmhaus.“
  • „Ich mache das sssssselber.“

3. Blockierungen/Blocks (stumme Pausen ohne prosodische oder rhetorische Funktion)

  • „Ich komme – (Pause) – bald in die Schule.“
  • „Ich mache das – (Pause) – selber.“

Wenn Kinder zu stottern beginnen, ist der meist nur leicht bis mäßig gestört. Die Primärsymptome sind zunächst oft mild, der Sprechfluss relativ flüssig. Im Laufe der Zeit können jedoch weitere Symptome hinzukommen, die den Redefluss stark einschränken und das Stottern deutlich auffälliger erscheinen lassen: die Sekundärsymptome.

Sekundärsymptome

Kinder, die stottern, verfügen häufig über eine ausgeprägte Selbstwahrnehmung ().

Ein beginnendes, leichtes und noch recht flüssiges Stottern stellt in vielen Fällen zunächst weder für die betroffenen Kinder noch für die Umwelt ein großes Problem dar. Stotternde Kinder nehmen zu Beginn des Stotterns ihre Sprechunflüssigkeiten oft gar nicht wahr. Reagieren Eltern oder andere Bezugspersonen auf das beobachtete Stottern – zum Beispiel durch sprachliche Hinweise wie „Sprich langsam!“, „Du kannst das doch“, „Ganz langsam!“ oder durch einen starrenden Blick –, führt dies beim Kind zu Irritationen. Auf der Suche nach der Ursache setzt das Monitoring ein: Das Kind beobachtet sich selbst beim Sprechen und nimmt die Irritation in Verbindung mit seinem Stottern wahr. Daraufhin versucht das Kind, sich so zu verhalten, dass die irritierende Reaktion ausbleibt. Es zeigt ein .

Vermeidungsverhalten kann sich unter anderem so äußern:

  • Vermeiden bestimmter Laute, Lautkombinationen oder Wörter, bei denen Stottern auftritt
  • Umformulierung von Wörtern, bei denen in der Regel Stottern auftritt
  • Vermeiden bestimmter Sprechsituationen oder Gesprächspartner
  • Allgemein weniger sprechen
  • Ungewöhnliche Atmung
  • Anspannen bestimmter Muskeln

Dieses Vermeidungsverhalten wird zunächst als hilfreich erlebt und verselbständigt sich dadurch. Schließlich führt es zu einer Verschlimmerung der Stottersymptome – ein typisches Beispiel für eine „Verschlimmbesserung“. Das Ergebnis sind die sogenannten Sekundärsymptome (Folge- oder Begleitsymptome).

Zu den Sekundärsymptomen zählen unter anderem:

  • Vermeiden von
  • Erhöhte Anspannung der Sprechmuskulatur
  • Erhöhte Anspannung anderer Muskeln
  • Erhöhtes Sprechtempo
  • Grimassieren
  • Lautlose Mundbewegungen
  • Starter: flüssig gesprochene Wörter, die als Starthilfe dienen
  • Kopfnicken
  • Ruckartige Bewegungen
  • Mitbewegungen im Gesicht oder am Körper
  • Augenverdrehen
  • Spucken
  • Auffälligkeiten der Atmung, Luftanhalten, gepresste Atmung

Hinzu kommen Symptome auf emotionaler und sozialer Ebene:

  • Angst,
  • Rückzug
  • Scham
  • Unsicherheit
  • Psychische Anspannung
  • Depressive Symptome
  • Vermeiden von Sprechsituationen

Das Ausmaß der Stottersymptome gibt keinen Aufschluss über den Leidensdruck, den ein stotterndes Kind empfindet. Es gibt Kinder mit milder Stottersymptomatik, die sehr darunter leiden, sowie Kinder mit schwerer Symptomatik, die weniger darunter leiden.

Verbreitete Vorurteile über Stottern

Gegenüber dem Stottern bzw. gegenüber stotternden Personen bestehen verschiedene Vorurteile, die nicht der Wirklichkeit entsprechen:

  • „Kinder, die stottern, denken schneller, als sie sprechen.“ Dies trifft auf funktionelle Unflüssigkeiten zu, bei denen sich Kinder durch Wiederholungen von Wörtern und Satzteilen, Satzabbrüche, Umstellungen oder gefüllte Pausen Zeit für die weitere Sprechplanung verschaffen. Für das Stottern gilt dies nicht.
  • „Kinder, die stottern, sind weniger intelligent.“ Diese Annahme ist wissenschaftlich haltlos.
  • „Sozial-emotionale Probleme sind die Ursache des Stotterns.“ Es gibt zwar stotternde Kinder mit sozial-emotionalen Schwierigkeiten (Sprechangst, Selbstzweifel, Vermeidungsverhalten), diese sind jedoch Folge (etwa durch Hänseleien oder Druck von außen) und nicht Ursache des Stotterns.
  • „Ohne Therapie verschwindet das Stottern nicht.“ Bei vier von fünf stotternden Kindern legt sich das Stottern wieder von alleine (Entwicklungsstottern). Bei länger andauerndem und vor allem bei sich verstärkendem Stottern ist jedoch eine frühzeitige und ggf. eine Stottertherapie angezeigt.
  • „Stottern wird vererbt.“ Es existieren genetische Faktoren, die das Risiko erhöhen, jedoch keine direkte Vererbung.
  • „Die Eltern sind schuld am Stottern ihrer Kinder.“ Kommunikationsstrukturen innerhalb der Familie können das Stottern verstärken oder aufrechterhalten, aber die Eltern lösen das Stottern nicht aus.
  • „Stottern ist eine Folge von Erziehungsfehlern.“ Auch diese Annahme trifft nicht zu.
  • „Stottern ist ein typisches Phänomen unserer Zeit.“ Stottern ist seit der Antike nachgewiesen. Bekannte historische Persönlichkeiten wie Moses, Demosthenes, Isaac Newton und King George VI waren davon betroffen.
  • „Stotternde Menschen haben eine falsche Atmung.“ Eine auffällige Atmung ist als Sekundärsymptom eine Folge des Stotterns und nicht dessen Ursache.
  • „Stotternde strengen sich beim Sprechen zu wenig an.“ Eher ist das Gegenteil der Fall. Viele stotternde Menschen achten intensiv auf das Sprechen. Durch Willensanstrengung lässt sich das Stottern jedoch nicht überwinden; dies führt vielmehr zu einer Verstärkung der Symptomatik.

Ursachen des Stotterns

Die Ursachen des Stotterns sind vielfältig und noch nicht vollständig geklärt. Im Allgemeinen werden sie in drei Kategorien eingeteilt.

Prädisponierende Faktoren

Faktoren, die das Risiko für Stottern stark erhöhen und von früh an oder von Geburt an bestehen:

  • Genetische Disposition (Veranlagung)
  • Organische Faktoren
  • Mangelnde Lateralisierung (Aufgabenteilung) der beiden Gehirnhälften

Diese prädisponierenden Ursachen sind wissenschaftlich nicht in allen Einzelheiten geklärt; es handelt sich um Erklärungsmodelle. Psychisch-emotionale Probleme sind keine Ursache, sondern Folge des Stotterns.

Auslösende Faktoren

Bei manchen Kindern lassen sich Auslöser identifizieren, während das Stottern bei anderen unvermittelt auftritt. Zu den möglichen Auslösern gehören:

  • Umzug
  • Krankenhausaufenthalt
  • Geburt eines Geschwisterkindes
  • Unfall oder ähnliche Ereignisse

Aufrechterhaltende Faktoren

Zu den aufrechterhaltenden Faktoren zählen:

  • Ein ungünstiges Kommunikationsklima in der Familie
  • Häufige Hinweise auf das Stottern und entsprechende Korrekturversuche
  • Hänseleien
  • Das Vermeidungsverhalten des Kindes

Interventionen bei stotternden Kindern

Das Elterngespräch

Bei dem Verdacht, dass ein Kind stottert, wird das Gespräch mit den Eltern gesucht, um abzugleichen.

Hilfreiche Beobachtungsfragen an die Eltern umfassen:

  • Hatte das Kind ein einschneidendes Erlebnis (Krankenhaus, Unfall, Eintritt in den Kindergarten/die Schule)?
  • Hat sich im Familiensystem des Kindes etwas Bedeutendes verändert (Scheidung, Geschwisterkind etc.)?
  • Bemerkt das Kind seine stockende Sprechweise?
  • Bestehen die Unflüssigkeiten bereits länger als sechs Monate?
  • Vermeidet das Kind bestimmte Situationen oder Äußerungen?
  • Zeigt das Kind beim Sprechen Verkrampfungen?
  • Hat das Kind genügend Zeit für sich?
  • Findet das Kind Zuhörer, die Zeit und Ruhe zum Zuhören haben?
  • Stottert ein anderes Familienmitglied?

Vorgehen im Elterngespräch

Im Gespräch werden den Eltern die Zusammenhänge der Symptome und ihre Wirkweise aufeinander erläutert. In bestimmten Phasen ist es von Vorteil, die Eltern nicht direkt auf das Entwicklungsstottern hinzuweisen, da elterliche Reaktionen in einigen Fällen die Stottersymptomatik verstärken können.

Vermeidungsverhalten vorbeugen

Ziel ist es, Vermeidungsverhalten und die daraus resultierende Sekundärsymptomatik zu vermeiden. Daher ist es fachlich angezeigt, dass das Kind nicht auf das Stottern hingewiesen wird und Kommunikationssituationen natürlich und entspannt verlaufen. Das Stottern sollte im Gespräch nicht dramatisiert werden, um elterliche Reaktionen zu vermeiden, die das Vermeidungsverhalten und eine verstärkte Symptomatik begünstigen.

Empfehlung fachlicher Hilfe

Bei hohem Leidensdruck, sich verstärkender Symptomatik, lange andauerndem Stottern oder stotterverstärkendem Kommunikationsverhalten der Eltern wird eine fachärztliche, logopädische oder sprachtherapeutische Abklärung empfohlen.

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