Untersuchungsgegenstand der Phonetik
Die Phonetik ist eine eigenständige, interdisziplinäre wissenschaftliche Disziplin, in die Aspekte der , Neurologie, Physik, Mathematik, Anatomie und Physiologie einfließen. Der Untersuchungsgegenstand der Phonetik ist das Phon beziehungsweise der Sprachlaut (abgeleitet von altgriechisch „fonos“ für tönend, zur Stimme gehörend).
Die Phonetik beschäftigt sich mit den Sprachlauten und gliedert sich in drei Hauptteilbereiche:
- : Produktion von Sprachlauten
- Akustische Phonetik: Physikalische und akustische Struktur von Sprachlauten
- Auditive Phonetik: Wahrnehmung von Sprachlauten
Im Rahmen der alltagsintegrierten Sprachbildung ist vor allem die artikulatorische Phonetik von Bedeutung.
Die artikulatorische Phonetik
Die artikulatorische Phonetik beschäftigt sich mit der Bildung von Sprachlauten und damit mit der Sprachlautproduktion. Sie untersucht, wie die einzelnen Sprachlaute gebildet werden.
Beispiel 1: Bei der Produktion des m-Lautes liegen die Lippen aufeinander, im Kehlkopf wird Stimme produziert, und die Ausatemluft strömt durch die Nase. Die artikulatorische Phonetik beschreibt den m-Laut demnach als (mit beiden Lippen gebildeten), stimmhaften Nasal (bei dem die Luft bei der Lautproduktion durch die Nase entweicht).
Beispiel 2: Bei der Produktion des f-Lautes liegt die Unterlippe an den oberen Zähnen, es wird keine Stimme produziert, und es entsteht ein reibendes Geräusch. Die artikulatorische Phonetik bezeichnet den f-Laut als labiodentalen (labio = Lippe, dental = an den Zähnen), stimmlosen (Reibelaut).
Eine detaillierte Kenntnis aller phonetischen Fachbegriffe ist für pädagogische Fachkräfte nicht in vollem Umfang erforderlich; eine grundlegende Einordnung des Untersuchungsgegenstandes und der Bedeutung des Begriffs ist jedoch fachlich relevant.
Auf diese Weise beschreibt die artikulatorische Phonetik die Laute einer Sprache differenziert.
Sprachlaute in den Sprachen der Welt
Die einzelnen Sprachen verfügen über unterschiedliche Laute sowie abweichende Anzahlen von Sprachlauten.
Insgesamt sind weltweit 652 unterschiedliche Konsonanten und 269 unterschiedliche Vokale dokumentiert, die von der Phonetik beschrieben werden. In keiner Einzelsprache werden sämtliche Laute verwendet.
- Im Deutschen gibt es (je nach Zählweise) etwa 43 Sprachlaute.
- Im Englischen existieren 44 Sprachlaute.
- Das Russische weist (je nach Zählweise) 37–46 Sprachlaute auf.
- Zu den Sprachgruppen mit den meisten Konsonanten gehört Khoisan in der Kalahari-Wüste. Hier gibt es 122 verschiedene Konsonanten und etwa 30 verschiedene Vokale; insgesamt also über 150 verschiedene Laute.
- Die Sprache mit den wenigsten Sprachlauten ist Rotokas, eine Sprache, die auf Papua-Neuguinea gesprochen wird und nur 6 Konsonanten und 5 Vokale, insgesamt also 11 Laute hat.
- Auch Hawaiianisch hat nur wenige Sprachlaute: insgesamt 13.
> Kleiner Exkurs: Auch die weisen kleinste gebärdensprachliche Einheiten („Laute“) auf. Diese Einheiten werden nicht im Hinblick auf die Parameter (z. B. „bilabial“, „labiodental“), Artikulationsart (z. B. „nasal“, „frikativ“) und Stimmhaftigkeit beschrieben, sondern anhand von Handform, Handstellung, Handbewegung und Ausführungsstelle. Daher kann auch in der Gebärdensprache eine unpräzise entstehen, wenn diese Parameter nicht exakt wie vorgesehen umgesetzt werden.
Lautinventar (phonetisches Inventar)
Das phonetische Inventar gibt an, in welchem Alter welche Laute produziert werden können, unabhängig von deren tatsächlicher Verwendung im Sprachgebrauch. Ob ein Laut, der grundsätzlich produziert werden kann, auch verwendet wird, betrifft die (siehe ).
Für den phonetischen Erwerb der einzelnen Laute im Deutschen lassen sich im Rahmen von Richtwerten folgende Anhaltswerte nennen (Angaben in Buchstaben und nicht in phonetischer Umschrift):
- 1;6 – 1;11: m, n, b, d, t
- 2;0 – 2;5: p, f, w, l
- 2;6 – 2;11: g, k, h, r, ch2 (der weiter hinten gebildete ch-Laut wie in „Bach“ oder „Buch“)
- 2;6 – 2;11: s-Laute (stimmhaft und stimmlos; werden in diesem Alter häufig an oder zwischen den Zähnen realisiert, also „gelispelt“)
- 3;0 – 3;5: j, ng
- 4;0 – 4;5: ch1 (der weiter vorne gebildete ch-Laut wie in „ich“ oder „echt“)
- 4;6 – 4;11: sch-Laut
Phonetische Auffälligkeiten und Störungen
Die Zuordnung zu den sprachwissenschaftlichen Ebenen wird anhand von Störungen der einzelnen Bereiche verdeutlicht. Im Rahmen der Sprachentwicklung treten auch und Störungen auf.
Das Lispeln (Sigmatismus)
Das Lispeln stellt die häufigste phonetische Auffälligkeit beziehungsweise Störung dar. Dabei liegt die Zungenspitze nicht hinter den Zähnen, sondern an den Zähnen () oder zwischen den Zähnen (). Da die Lautproduktion betroffen ist, wird von einer phonetischen Auffälligkeit oder Störung gesprochen (wobei die Unterscheidung vom Ausprägungsgrad und Alter abhängt). Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (1920–2013), der den zu seinem Markenzeichen machte.
Schetismus lateralis
Bei dieser Störung entweicht die Luft bei der Produktion des SCH-Lautes seitlich statt zentral aus dem Mund. Auch hier ist die Lautproduktion betroffen, weshalb eine phonetische Störung vorliegt. Der (bei Beteiligung weiterer Laute als multiple bezeichnet) wird umgangssprachlich auch als „hohler Zahn“ oder „zischendes Wasser im Zahn“ bezeichnet. Ein weiteres Beispiel ist der Komiker Dieter Tappert (bekannt als „Paul Panzer“), bei dem diese phonetische Störung vorliegt.
Nuscheln
Das Nuscheln ist in der Regel eine phonetische Auffälligkeit ohne Störungswert (exemplifiziert durch den Schauspieler Til Schweiger), die jedoch nicht zu einer verbesserten akustischen Verständlichkeit beiträgt.
Phonetische Symptome bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (LKG-Spalte)
LKG-Spalten sind angeborene Fehlbildungen im Bereich der Lippen, des Kiefers oder des Gaumens. Neben Atembeschwerden und Problemen bei der Nahrungsaufnahme kommt es zu Schwierigkeiten bei der Lautproduktion, da verschiedene Laute durch die Spaltbildung nicht korrekt gebildet werden können. In der Folge treten phonetische Symptome auf.
Phonetik und Phonologie – die Abgrenzung
Die Phonetik ist von der Phonologie zu unterscheiden. Beide Fachdisziplinen befassen sich mit Sprachlauten: Der Wortbaustein „Phon“ steht für „Laut“. Die Phonetik befasst sich jedoch mit der Lautproduktion (Lautbildung), wohingegen die Phonologie die Lautverwendung untersucht.
Ein Laut kann folglich phonetisch erworben sein und produziert werden, ohne dass er im Sprachgebrauch verwendet wird. Beispiel: Viele Kinder verwenden anstelle des k-Lautes den t-Laut; aus „Käse“ wird „Täse“ und aus „Kind“ wird „Tind“. Diese Kinder zeigen einen , der in der physiologischen Sprachentwicklung bei vielen Kindern auftritt. Bei Aufforderung zur isolierten Produktion des k-Lautes gelingt dies den meisten Kindern. Der k-Laut ist demnach phonetisch erworben, wird jedoch aufgrund des phonologischen Prozesses nicht verwendet. Sprachliche Ersetzungen dieser Art stellen ein Phänomen der Phonologie (Lautverwendung) und nicht der Phonetik (Lautproduktion) dar.
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