Was die zweite Lallphase auszeichnet
Die zweite Lallphase folgt auf eine erste Phase, in der Säuglinge unabhängig von ihrer sprachlichen Umgebung ähnliche Laute produzieren. Mit etwa sechs Monaten beginnt sich das zu verändern: Kinder lallen nun in repetitiven Silbenketten wie „mamama", „bababa" oder „dadada". Dieses Muster, das als kanonisches Lallen bezeichnet wird, unterscheidet sich grundlegend vom früheren Vokalisieren. Die Silben werden gleichmäßig wiederholt, haben eine klar erkennbare Konsonant-Vokal-Struktur und klingen für Erwachsene bereits sprachähnlich.
Diese Silbenketten sind keine Wörter, bereiten jedoch Artikulationsmuskulatur und phonologisches System auf die ersten Wörter vor. Die Silbenstruktur „mama" oder „baba" wird in vielen Sprachen weltweit als frühes Wort für eine Bezugsperson übernommen, so auch im Türkischen oder Arabischen. Hintergrund ist, dass Kinder bevorzugt artikulatorisch leichte Lautverbindungen produzieren und Bezugspersonen diese Silben als bedeutungstragend interpretieren. So entsteht schrittweise die Brücke zum ersten Wort.
Hören als Voraussetzung für Lautimitation
Das Gehör ist in dieser Phase nicht nur rezeptives Organ, sondern aktive Steuerungsinstanz. bezeichnet die Fähigkeit, Schallreize differenziert aufzunehmen, zu verarbeiten und für die eigene Lautproduktion nutzbar zu machen. Im der zweiten Lallphase bedeutet das: Es wird nicht nur Geräusch verarbeitet, sondern Sprachklang analysiert, wiederkehrende Lautmuster werden erkannt und in eigene Artikulationsbewegungen umgesetzt.
Gleichzeitig findet statt, also die schrittweise Reduktion des anfänglich breiten Lautrepertoires auf die Laute der gehörten Sprache(n). Häufig vorkommende Umgebungslaute werden gezielt trainiert. Laute, die in der Umgebungssprache fehlen, werden seltener und verschwinden schließlich. Der enge Zusammenhang von Hören und Sprechen wird darin sichtbar.
Für mehrsprachig aufwachsende Kinder gilt: Bei regelmäßigem Kontakt mit mehr als einer Sprache kann das Lautrepertoire beider Sprachen länger aufrechterhalten werden. Das ist eine Stärke, keine Verzögerung.
Wenn das Gehör nicht zuverlässig arbeitet
Das Ausbleiben der zweiten Lallphase oder eine deutlich veränderte Lallentwicklung kann auf eine Hörstörung hinweisen. In der ersten Lallphase zeigen Kinder mit Hörstörung häufig noch unauffällige Vokalisierungen, weil diese Phase weniger vom Hören abhängt. Erst in der zweiten Lallphase, wenn die Rückkopplung zwischen Gehörtem und Produziertem bedeutsam wird, können sich Auffälligkeiten zeigen: Silbenketten bleiben aus, das Lallen wird weniger oder bleibt auf einem frühen Stadium.
Hier ist zu trennen: Pädagogische Fachkräfte beobachten und beschreiben, was zu hören und zu sehen ist. Es werden keine gestellt. Wenn ein Säugling im Alter von sieben bis acht Monaten noch keine repetitiven Silbenketten zeigt, auf Geräusche aus dem Hintergrund nicht reagiert oder das Lallen im Vergleich zu früheren Wochen abnimmt, liegt ein Beobachtungsanlass vor, der Eltern gegenüber sachlich zu ist. Die Abklärung durch eine medizinische Fachperson, gegebenenfalls durch eine pädaudiologische Fachstelle, ist dann der nächste Schritt.
Das Neugeborenen-Hörscreening, das nach der Geburt durchgeführt wird, erfasst bestimmte Formen von Hörstörungen zuverlässig, jedoch nicht alle. Manche Einschränkungen entwickeln sich erst im Verlauf der ersten Lebensmonate. Eine unauffällige Screeninguntersuchung schließt eine spätere Hörauffälligkeit nicht aus.
Wie pädagogische Fachkräfte die Lallphase begleiten
Grundlage ist eine sprachreiche, dialogische Beziehungsgestaltung. Damit Kinder in der zweiten Lallphase hören, imitieren und variieren können, benötigen sie Bezugspersonen, die Vorlagen bieten und auf Lautäußerungen eingehen.
Einige konkrete Handlungsmöglichkeiten:
- Augenhöhe herstellen: Beim Wickeln, Füttern oder Tragen wird räumliche Nähe hergestellt und geschaffen. und sind in dieser Position besonders deutlich wahrnehmbar.
- Die bewusst gestalten: Auf kindliches Lallen wird unmittelbar, verbal oder mit einem Lächeln, reagiert. Damit wird signalisiert, dass das Lautangebot gehört und als Gesprächsbeitrag behandelt wird. Der Zeitpunkt der Response liegt nah am kindlichen Lallen, damit der Zusammenhang erfahrbar wird.
- einüben: Abwechselndes Vokalisieren, bei dem die Bezugsperson den kindlichen „Zug" abwartet und dann antwortet, trainiert die dialogische Grundstruktur. Schon Säuglinge erleben so Kommunikation als Wechselspiel.
- einsetzen: Die sogenannte Ammensprache, das überdeutliche, melodisch betonte Sprechen in kurzen Sätzen mit erhöhter Grundfrequenz, zieht Aufmerksamkeit auf sich und hebt sprachliche Muster hervor. Sie ist kein Vereinfachen, sondern ein intuitiv angepasstes Kommunikationsangebot.
- Wiederholungen nutzen: Silbenverbindungen werden spielerisch und freundlich wiederholt. So können Laute mehrfach gehört und mit eigenen Versuchen abgeglichen werden.
Beobachtung als professionelle Aufgabe
Bewusste der Lallentwicklung leistet einen eigenständigen Beitrag zur frühen Sprachbildung. Pädagogische Fachkräfte sind keine diagnostischen Instanzen, sind aber täglich nah dran. Zu hören ist, wann ein Kind lallt, wie variationsreich das Lallen klingt und wie es auf Sprache aus der Umgebung reagiert.
Dokumentierte Alltagsbeobachtungen sind aussagekräftiger als spontane Eindrücke. Wenn beschrieben werden kann, seit wann bestimmte Lautmuster auftauchen oder ausbleiben, lässt sich in einem konkret und sachlich kommunizieren, ohne Bewertung oder Alarmierung.
Das Ausbleiben der zweiten Lallphase ist ein Beobachtungsanlass, kein Urteil. Die mit Familien spiegelt dies: ressourcenorientiert, präzise und auf eine gemeinsame Einschätzung ausgerichtet.
Welche Situationen im Krippenalltag eignen sich besonders, um auf das Lallen von Säuglingen einzugehen, und wie wird dabei der Übergang zwischen Pflegeroutine und sprachlicher Begleitung gestaltet?
