Was die erste Lallphase auszeichnet
Die erste Lallphase beginnt in der Regel gegen Ende des dritten Lebensmonats und dauert bis etwa zum sechsten Monat. In dieser Zeit entsteht spontan eine breite Bandbreite an Lauten. Charakteristisch ist, dass diese Lautpalette sprachunabhängig ist: Kinder, die mit Deutsch aufwachsen, erzeugen dieselbe Vielfalt wie Kinder aus hindi- oder mandarin-sprachigen Familien. Selbst Laute, die in der Umgebungssprache nicht vorkommen – etwa bestimmte Kehllaute oder die Klicklaute mancher südafrikanischer Sprachen – treten in dieser Phase auf.
Damit gilt die erste Lallphase als Phänomen der Universalität der Lautproduktion: Gemeint ist die Fähigkeit, in einem frühen Entwicklungsfenster artikulatorisch mögliche Laute zu erzeugen, unabhängig vom sprachlichen Umfeld. Diese Laute werden nicht von Bezugspersonen erlernt. Sie werden in dieser Phase eigenständig produziert.
Fühlen statt Hören – die Rolle der taktil-kinästhetischen Wahrnehmung
In dieser Phase steht nicht das Hören, sondern das Spüren im Vordergrund. bezeichnet die Fähigkeit, Bewegungen und Berührungen des eigenen Körpers wahrzunehmen und daraus Informationen zu gewinnen. Beim Lallen werden Bewegungen von Lippen, Zunge, Kiefer und Gaumen gespürt und differenziert. Auf diese Weise wird der Artikulationsapparat systematisch erprobt.
Daraus ergibt sich eine klare Konsequenz: Auch gehörlose Kinder lallen in der ersten Phase. Sie produzieren dieselbe Lautvielfalt wie hörende Kinder, weil das frühe Lallen nicht auf auditivem Feedback basiert. Erst in der zweiten Lallphase, wenn die eigene Lautproduktion zunehmend am Gehörten ausgerichtet wird, macht sich fehlendes Hörvermögen in der Lautentwicklung bemerkbar. Dieser Unterschied zwischen erster und zweiter Lallphase dient als Beobachtungsrahmen. Die Einschätzung, ob eine Entwicklung medizinische Abklärung verdient, liegt bei den Eltern und entsprechenden Fachpersonen.
Der Übergang und das Phänomen des Rückgangs
Gegen Ende des sechsten Monats beginnt eine zunehmende Ausrichtung der Lautproduktion an der Sprache der Umgebung. Es wird wahrgenommen, welche Laute im Umfeld vorkommen, und diese werden bevorzugt. Die breite universelle Lautpalette verengt sich dabei zunächst – ein Vorgang, der als bezeichnet wird und als Ausdruck reifender Selektivität gilt: Sprachlich relevante Laute werden von nicht relevanten unterschieden.
Für die Beobachtung im Alltag bedeutet das: Ein vorübergehend weniger aktives oder verändertes Lallverhalten im Übergangsbereich zwischen dem sechsten und achten Monat kann mit einem Reorganisationsprozess zusammenhängen.
Alltagsintegrierte Sprachbildung im ersten Lebenshalbjahr
Zur aktiven Begleitung der ersten Lallphase durch pädagogische Fachkräfte und Kindertagespflegepersonen werden drei Schwerpunkte beschrieben:
- und Raum lassen: Säuglinge benötigen Zeit, um auf eine Ansprache zu reagieren. Wird eine Lautäußerung des Kindes aufgegriffen und anschließend gewartet, entsteht Gelegenheit zur Antwort. Dieses abwechselnde Nehmen und Geben – als bezeichnet – übt bereits die Grundstruktur späterer Gespräche ein.
- Die passend gestalten: Wenn ein Kind lautiert und die pädagogische Fachkraft mit einem ähnlichen Laut, einem Lächeln oder einem kurzen sprachlichen Kommentar antwortet, wird die Wirkung der kindlichen Äußerung erfahrbar. Die Response bleibt nah am Laut oder Ausdruck des Kindes. Übertriebene oder abrupte Reaktionen wirken weniger einladend.
- Körperkontakt und Augenhöhe: Augenhöhe ist im wörtlichen Sinne gemeint. Wenn das Gesicht der Fachkraft auf das Niveau des Kindes gebracht wird – beim Wickeln, Tragen oder Hinlegen –, entstehen natürliche Dialogsituationen. Kinder in diesem Alter reagieren besonders sensibel auf und Nähe.
Ein kurzes Beispiel aus der Krippe: Ein Kind von 4 Monaten liegt auf der Wickelunterlage und produziert einen langen „aaa"-Laut mit ansteigender . Die pädagogische Fachkraft hält inne, lächelt und antwortet leise: „Aaa – ja, hörst du das?" Sie wartet. Das Kind wiederholt den Laut, diesmal kürzer. Dieser kurze Moment enthält bereits alle wesentlichen Elemente einer responsiven Interaktion.
Ammensprache als begleitende Ressource
Die sogenannte – in der Fachwissenschaft auch als bekannt – beschreibt eine intuitiv angepasste Sprechweise, die Bezugspersonen gegenüber Säuglingen häufig verwenden. Sie ist durch eine erhöhte Tonlage, deutlichere Intonationskurven, verlangsamtes Sprechtempo und vereinfachte Satzstrukturen gekennzeichnet. Säuglinge zeigen eine ausgeprägte Aufmerksamkeit für diese Sprechweise; sie wenden sich ihr bevorzugt zu.
Eine bewusste Einübung durch pädagogische Fachkräfte ist nicht erforderlich. In der Interaktion entsteht sie häufig spontan. Im Mittelpunkt steht ihr funktionaler Nutzen: Sie ist kein Rückfall in kindliche Kommunikation, sondern eine biologisch verankerte Form des Dialogangebots, die dem Säugling anzeigt, dass mit ihm gesprochen wird.
Bei einem nächsten Beobachtungsrundgang durch die Krippe lässt sich Folgendes fokussieren: Produziert das Kind eher gleichförmige Laute oder eine breite, wechselhafte Palette? Welche Response wird spontan gegeben – und wie reagiert das Kind darauf?
