Was Turn-Taking bedeutet – und warum es so früh beginnt
Turn-Taking bezeichnet das geregelte Abwechseln in der Kommunikation. Es beschreibt den Rhythmus, der einem Gespräch Struktur gibt: Eine Person äußert sich, die andere hört zu und antwortet, dann wechselt die Richtung wieder. Dieses Grundprinzip gilt für verbale Unterhaltungen unter Erwachsenen ebenso wie für den Austausch zwischen einer pädagogischen Fachkraft und einem Säugling.
Kinder kommen mit einer Bereitschaft für diesen Wechsel auf die Welt. Bereits in den ersten Lebensmonaten reagieren sie auf Stimmen, Gesichter und Berührungen und signalisieren durch Geräusche, Bewegungen oder Blicke die Beteiligung an einer Interaktion. Frühe Signale stellen eine Form der Kommunikation dar.
Die , definiert als Zeitraum der Sprachentwicklung vor dem Auftreten erster bedeutungstragender Wörter, erstreckt sich vom ersten Lebensmonat bis etwa zum ersten Lebensjahr. Kinder verfügen in dieser Phase über ein wachsendes Repertoire an kommunikativen Mitteln: , Vokalisation, , und Körperhaltung. Auf diesen Mitteln baut später alles Sprachliche auf.
Lallen als Dialogbaustein
Zwischen dem sechsten und zehnten Lebensmonat beginnt die – eine Entwicklungsperiode, in der Kinder mit Lauten, Silben und Lautfolgen experimentieren. Silbenfolgen wie „Ba-ba-ba“, „da-da“ oder „mamama“ klingen spielerisch und folgen einer kommunikativen Logik. Das Kind produziert eine Silbenfolge, macht eine Pause und wartet auf eine Reaktion.
Eine darauf abgestimmte Antwort – mit einem ähnlichen Laut, einem Lächeln oder einem kurzen Wort – vollzieht das Prinzip des Turn-Taking durch die Übernahme und anschließende Rückgabe des kommunikativen Zugs. Für das Kind ist diese Erfahrung bedeutsam; es erlebt, dass seine Äußerungen gehört werden und eine Wirkung haben. Das Gespräch erhält dadurch Richtung und Rhythmus.
Frühe Lall-Dialoge folgen den Grundregeln späterer Gespräche bei unmittelbarer Bedeutungserzeugung im Moment.
Spielhandlungen als frühe Gesprächsstruktur
Neben der zweiten Lallphase zeigt sich Turn-Taking besonders deutlich in repetitiven . Ein klassisches Beispiel: Ein Kind im Alter von etwa 0;8 bis 1;0 greift einen Gegenstand und lässt ihn fallen – immer und immer wieder. Neben der motorischen Komponente enthält diese Spielhandlung eine kommunikative Struktur.
Das Kind lässt den Gegenstand fallen, schaut die pädagogische Fachkraft an und wartet. Wenn die Fachkraft ihn aufhebt und mit einem kurzen „Da ist er wieder!“ zurückgibt, hat ein stattgefunden. Das Kind übernimmt wieder den nächsten Zug, indem es den Gegenstand erneut fallen lässt. Diese Abfolge enthält das vollständige Dialogprinzip.
Spielhandlungen dieser Art dienen als Übungsfelder für dialogische Kompetenz. Kinder lernen darin, dass Kommunikation wechselseitig ist, dass Pausen eine Funktion haben und dass ihr Handeln eine Reaktion auslöst, auf die sie wiederum antworten können.
Abwarten als pädagogische Haltung
Ein zentrales Element im frühen Dialog ist das bewusste . Neben sprachlichen Impulsen bildet das Innehalten, Pausieren und Raumlassen einen wesentlichen Bestandteil.
Wenn einer Äußerung oder Handlung zeitlicher Spielraum gegeben wird, entsteht eine Erwartungsstruktur. Das Kind erkennt damit die Wechselfolge des Rederechts. Das unmittelbare Übernehmen der Initiative durch weitere Fragen, neue Handlungen oder Ablenkung unterbricht diesen Prozess.
Abwarten ist als aktive Handlung mit zugewandter Körperhaltung, Augenkontakt auf Augenhöhe und einer Mimik verbunden, die Interesse signalisiert. Diese nonverbalen Signale teilen dem Kind Aufmerksamkeit und Präsenz mit.
Körperliche Präsenz und Augenhöhe im Dialog
Blickkontakt auf Augenhöhe beeinflusst die Qualität des Dialogs. Wenn eine pädagogische Fachkraft sich zu einem Kind begibt, sodass ihre Augen auf einer Ebene mit seinen liegen, verändert das die Qualität des gesamten Dialogs. Das Kind kann das Gesicht der Fachkraft vollständig sehen – Mimik, Mundform, Ausdruck.
Mimik und Stimme sind in der präverbalen Phase zentrale Träger von Bedeutung. Ein Lächeln bestätigt. Eine hochgezogene Augenbraue signalisiert Neugierde. Ein gedämpftes „Hmm.“ gibt dem Kind die , dass seine Äußerung angekommen ist. Nonverbale Elemente bilden den inhaltlichen Kern des Dialogs.
Für den Krippenalltag bedeutet das: Interaktionen auf Augenhöhe – auf dem Boden, an einem niedrigen Tisch, beim Hinunterbeugen – sind dialogisch produktiv und schaffen die körperliche Voraussetzung für ein echtes Wechselspiel.
Eine kleine Praxisanregung: Den Moment beobachten
Zur von Interaktionsmomenten wird in einer ruhigen Situation über einen Zeitraum von drei bis fünf Minuten ein Kind in der Lallphase oder im ersten Lebensjahr betrachtet:
- Wann produziert das Kind einen Laut, eine Geste oder eine Handlung und macht danach eine Pause?
- Wie lange dauert diese Pause, bevor eine Antwort erfolgt?
- Wie reagiert das Kind auf die Response – folgt ein weiterer kommunikativer Zug?
Diese Beobachtung schärft das Bewusstsein für den Rhythmus früher Dialoge und bildet den Ausgangspunkt für eine kollegiale : Wann wird Raum gegeben, und wann wird er gefüllt?
Die solcher Interaktionsmomente zeigt das Vorhandensein kommunikativer Erwartungsstrukturen im Alltag auf.
