Nominaler Spracherwerbsstil
Der nominale Spracherwerbsstil wird auch als referentieller Spracherwerbsstil bezeichnet. Er entspricht dem Spracherwerb, wie er allgemein bekannt ist und wie der physiologische Spracherwerb üblicherweise beschrieben wird:
- Die ersten Wörter sind überwiegend – daher die Bezeichnung „nominaler" Spracherwerbsstil: Mama, Papa, Ball, Puppe, Teddy, Auto …
- Die ersten Wörter werden um den ersten Geburtstag herum produziert.
- Zunächst entstehen Einwortsätze, ab dem 18. Monat , später Drei- und Mehrwortsätze.
- Mit 18 (bis 24) Monaten setzen das (für Wörter) und die ein.
- Etwa 95 % aller Kinder zeigen den nominalen Spracherwerbsstil.
Die Untergruppe der „Sammler"
Innerhalb des nominalen Spracherwerbsstils gibt es die Untergruppe der sogenannten Sammler. Damit werden Kinder bezeichnet, deren Spracherwerb auf rezeptiver Ebene – also auf der Ebene des Wort- und Sprachverständnisses – altersgemäß ist, die aber (noch) nicht oder nur sehr wenig sprechen. Diese Kinder verstehen sprachlich alles, was andere Kinder in ihrem Alter auch verstehen, zeigen jedoch kaum Sprachproduktivität.
Da bei der Bestimmung von meist ausschließlich die sprachproduktiven Kompetenzen (der ) untersucht werden, werden Kinder aus der Gruppe der Sammler häufig als Late-Talker identifiziert.
Das initiale „Sammeln" im Rahmen des nominalen Spracherwerbsstils stellt keinen Hinweis auf eine Störung dar.
Zuweilen wird das auch als eigenständiger Spracherwerbsstil bezeichnet: abwartender Spracherwerbsstil.
Expressiver Spracherwerbsstil
Der expressive Spracherwerbsstil tritt bei etwa 5 % aller Kinder auf. Weil dieser Stil eher selten beobachtet wird, wird er gelegentlich fälschlicherweise als Störung interpretiert; es handelt sich jedoch um einen eigenständigen Spracherwerbsstil, der genauso zum Spracherwerb führt wie der nominale.
Der expressive Spracherwerbsstil ist gekennzeichnet durch:
- einen deutlichen Sprechrhythmus und eine deutliche
- große und einen hohen Output – die Kinder sprechen gerne und viel
- kein einziges oder nur wenige verständliche Wörter – manchmal hört es sich an wie eine Fantasiesprache
- einen meist deutlichen Einsatz von nonverbalen Elementen (), also und
Im weiteren Verlauf kommen mehr und mehr verständliche Wörter hinzu.
Kriterien für die Sprachstandüberprüfung
Bis zum 3. Geburtstag erreichen Kinder mit einem expressiven Spracherwerbsstil im Wesentlichen eine vergleichbare Verständlichkeit wie Kinder mit einem nominalen Spracherwerbsstil. Ist ein Kind mit expressivem Spracherwerbsstil zum 3. Geburtstag noch nicht zu verstehen und lässt sich der grundsätzliche Inhalt des Gesagten für Außenstehende nicht erschließen, ist eine medizinisch-logopädische Sprachstandüberprüfung angezeigt.
Gemeinsamkeiten beider Spracherwerbsstile
Beide Spracherwerbsstile stützen sich auf vergleichbare basale Kompetenzen.
Nominaler Spracherwerbsstil:
- Das Gehör spielt eine immer größere Rolle. Dies beginnt in der und setzt sich im Laufe der Sprachentwicklung fort.
- Die Kinder hören genau auf die sprachlichen Äußerungen der Bezugspersonen.
- Die Kinder isolieren einzelne Wörter aus dem Lautstrom () und beginnen, diese Wörter zu imitieren.
Expressiver Spracherwerbsstil:
- Das Gehör spielt eine immer größere Rolle.
- Die Kinder hören genau auf die sprachlichen Äußerungen der Bezugspersonen.
- Die Kinder imitieren den Sprechrhythmus und die Sprechmelodie – also die Prosodie.
Auch wenn sich der nominale und der expressive Spracherwerbsstil ganz unterschiedlich anhören, unterscheiden sie sich im Wesentlichen nur durch die Art der imitierten Elemente: Beim nominalen Spracherwerbsstil sind es einzelne Wörter, beim expressiven Spracherwerbsstil sind es größere Einheiten, nämlich Rhythmus und Melodie.
Hinweise für die alltagsintegrierte Sprachbildung
Für den Umgang mit Kindern, die einen expressiven Spracherwerbsstil zeigen, gilt:
- Ein reduziertes Nachfragen bei Verständnisschwierigkeiten unterstützt den Gesprächsfluss.
- Im Vordergrund stehen die Freude am Sprechen und das Entdecken der grundsätzlichen Funktionen von Sprache: , das Sich-Ausdrücken, Kommunikation mit anderen, Einsatz von Körpersprache. Die verbale Begleitung verbalisiert nonverbal geäußerte Inhalte („zwischen den Zeilen").
- Die Spiegelung des sprachlichen Outputs sowie das dialogische Aufgreifen expressiver Äußerungen fördern die gemeinsame Kommunikationsfreude.
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