Lautsprache und Schriftsprache – zwei Formen von Sprache
Sprechen und Verstehen (Lautsprache) sind dem Schreiben und Lesen (Schriftsprache) in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich:
- Es handelt sich bei der Lautsprache auf der einen Seite und bei der Schriftsprache auf der anderen Seite um zwei verschiedene Formen von Sprache. Als dritte Sprachform ist zudem die zu nennen.
- Bei beiden Sprachformen gibt es einen rezeptiven und einen expressiven Sprachaspekt: Dem Verstehen steht das Lesen gegenüber, dem Sprechen das Schreiben.
- Beim Erwerb beider Sprachformen durchlaufen Kinder bestimmte Phasen, in denen Auffälligkeiten festzustellen sind, weil die kindliche Sprachproduktion (Sprechen bzw. Schreiben) von der Zielsprache (Erwachsenensprache bzw. regelkonforme Rechtschreibung) abweicht.
Bei der Lautsprache sind hier als Abweichungen unter anderem zu nennen: die Verwendung von Baby- und Kleinkindwörtern auf der Ebene /, die Verwendung syntaktisch unvollständiger Sätze auf der syntaktischen Ebene oder das Auftreten auf der -Ebene.
Genauso wie beim Lautspracherwerb durchlaufen alle Kinder auch beim Schriftspracherwerb bestimmte Phasen. Diese Phasen des Schriftspracherwerbs wurden in den 1980er Jahren zunächst von der deutsch-britischen Entwicklungspsychologin Uta Frith (1985) entwickelt und etwas später von Herbert Günther erweitert.
Die vier Phasen des Schriftspracherwerbs
Uta Frith geht davon aus, dass es vier Phasen des Schriftspracherwerbs gibt, die jedes Kind – zwar mit Überschneidungen, aber nacheinander – durchläuft.
1. Präliteral-symbolische Phase
In der ersten Phase entdecken die Kinder die grundsätzlichen Funktionen der Schriftsprache und beginnen, sie auszuprobieren. Zu beobachten ist dann zum Beispiel das
- : Ein Kind ‚malt‘ Wellenlinien auf ein Blatt Papier. Auf die Frage nach der Handlung antwortet es: „Ich schreibe.“
- : Ein Kind hält ein Buch in der Hand – möglicherweise auf dem Kopf – und schaut ganz interessiert ins Buch. Gegebenenfalls spricht das Kind auch Sätze oder erzählt eine kleine Geschichte. Auf die Frage nach der Handlung antwortet es: „Ich lese.“
Die präliteral-symbolische Phase haben die allermeisten Kinder bis zum Eintritt in die Grundschule abgeschlossen.
2. Logographemische Phase
In der erhält das Kind Einsicht in die Symbolhaftigkeit von Schrift. Zeichen für diese Phase sind:
- Erkennen einzelner Buchstaben mit Symbolcharakter: Beispielsweise das <P> für Parkplatz oder das gelbe <M> für McDonalds. Bei Fahrten entlang einer Hauptstraße und beim Erscheinen des großen, gelben <M> ruft das Kind beispielsweise: „Da hinten, McDonalds!“
- Erkennen von Wortbildern / : Das Kind erkennt zum Beispiel den eigenen (geschriebenen) Namen an der Garderobe der Kita.
- Notieren einzelner Buchstaben oder Wörter aus dem Gedächtnis: Das Kind schreibt oder „malt“ den eigenen Namen aus dem Gedächtnis, ohne dass es die einzelnen Buchstaben lesen oder als Laute kann.
Auch die logographemische Phase haben die meisten Kinder vor der Einschulung durchlaufen.
3. Alphabetische Phase
In der bekommt das Kind Einsicht in die Beziehung von Buchstaben bzw. Schrift zu Lauten. Hier findet sich die phonetische bzw. lautgetreue Schreibweise: <Tiga> und <Muta> für die Wörter ‚Tiger‘ und ‚Mutter‘. Die Kinder schreiben entsprechend ihrer lautlichen Wahrnehmung.
Die alphabetische Phase setzt bei einigen Kindern schon vor der Einschulung ein. Alle Kinder – unabhängig von der konkreten Schreiblernmethode – durchlaufen diese Phase. Sie ist eine notwendige Voraussetzung für das orthografisch richtige Schreiben.
Die alphabetische Phase, in der orthografisch (noch) nicht „richtig“ geschrieben wird, ist vergleichbar mit den phonologischen Prozessen beim Lautspracherwerb („Tind“ für Kind, „Täse“ für Käse, „Fant“ für Elefant). Auch dort müssen alle Kinder eine Phase durchlaufen, in der sie phonologisch auffällig sprechen. Diese Phase ist ein notwendiger Schritt hin zur regelkonformen Aussprache: Aus „Tind“ wird irgendwann „Kind“, aus „Täse“ wird „Käse“ und aus „Fant“ wird „Elefant“.
4. Orthografische Phase
In der vierten Phase erkennen die Kinder die Regelhaftigkeit von Schriftsprache und berücksichtigen orthografische Regeln (Rechtschreibregeln). ‚Tiger‘ wird dann orthografisch richtig als <Tiger> geschrieben und nicht mehr als <Tiga>, das Wort ‚Mutter‘ wird als <Mutter> geschrieben und nicht mehr als <Muta>.
Die durchlaufen die allermeisten Kinder im Rahmen des Schriftspracherwerbs in der Grundschule.
Bedeutung für den Schriftspracherwerb in der Grundschule
Es gibt viele unterschiedliche Methoden, mit denen Kinder die Schriftsprache erwerben können: die Fibel- bzw. (alle Kinder arbeiten mit derselben Fibel und lernen neue Wörter – zunächst lautgetreue Wörter – sofort orthografisch richtig zu schreiben), das ‚Lesen durch Schreiben‘ (Arbeit mit einer ), der Schriftspracherwerb auf Silbenebene (Lesen mit Silbenteppichen, Schreiben von Silben; ReLv) und weitere. In der Praxis der Primarstufe werden die Methoden häufig miteinander verbunden oder im Rahmen eines differenzierten Unterrichts individuell eingesetzt.
Da die allermeisten Kinder
- vor dem Schuleintritt sowohl die als auch die logographemische Phase bereits abgeschlossen bzw. erreicht haben und
- als nächste Phase die alphabetische Phase in den Vordergrund tritt,
setzt der Schriftspracherwerb in der Grundschule häufig genau hier – bei der alphabetischen Phase – an. Praktisch geschieht dies vielfach dadurch, dass die Kinder zu Beginn eine sogenannte Anlauttabelle an die Hand bekommen. Darauf sind sämtliche Buchstaben und Buchstabenkombinationen, die einem Laut entsprechen (SCH, CH usw.), in Groß- und Kleinschreibung aufgeführt und mit entsprechenden Bildern ergänzt: neben oder über dem <A> das Bild einer Ameise, neben oder über dem <B> das Bild eines Baumes und so weiter. Mithilfe dieser Anlauttabelle können die Kinder den Bezug zwischen Buchstaben und Sprachlauten herstellen.
Mit einer solchen Anlauttabelle kommen die Kinder sehr früh und schnell zum selbstständigen Schreiben. Sie können von Beginn an alles schreiben (lautgetreu – daher der umgangssprachlich und nicht ganz zutreffend verwendete Ausdruck „Schreiben nach Gehör“), was sie schreiben möchten, und müssen nicht warten, bis sie ein Wort ‚richtig‘ schreiben gelernt haben. Erfahrungsgemäß schreiben die Kinder dann häufig nach wenigen Wochen kleine Notizen, Listen oder Briefe an die Eltern.
Auch bei anderen Ansätzen als der Anlauttabelle durchlaufen alle Kinder – unabhängig von der Methode – die alphabetische Phase und stellen einen Bezug von Buchstaben zu Sprachlauten her. Deshalb lernen die Kinder auch bei der Fibel-Methode zunächst lautgetreue Wörter richtig zu schreiben.
Da auf die alphabetische Phase die orthografische Phase folgt, ist im Rahmen eines differenzierten Unterrichts eine zeitnahe Einbindung orthografischer Regeln von Bedeutung. Andernfalls verfestigt sich das lautgetreue Schriftbild, und es entsteht ein späterer Umwöhnungsbedarf.
Konsequenzen für die Sprachbildung in Kita und Kindergarten
Für die im Kindergarten ist die Erkenntnis bedeutsam, dass alle Kinder die alphabetische Phase durchlaufen und genau hier zu Beginn des Schriftspracherwerbs in der Grundschule angesetzt wird. Daher erfolgt in Kita und Kindergarten eine lautbezogene Benennung der Buchstaben anstelle der Verwendung von Buchstabenamen.
Es wird somit lautbezogen benannt („m“ statt „emm“, „l“ statt „ell“ usw.). Eine Benennung in der Vorschulzeit mit Buchstabenamen („Bee“, „Eff“, „Ell“, „Emm“ etc.) kann beim Schriftspracherwerb in der Grundschule zu Unstimmigkeiten führen – insbesondere bei Methoden mit Schwerpunkt auf lautgetreuem Schreiben. Der Begriff ‚Elbe‘ würde dann als <Lb> („Ell-Bee“), das ‚Essen‘ als <Sn> („Ess-Enn“) und die beste Freundin als <Bat> („Bee-A-Tee“) verschriftet.
Der der Kinder im Hinblick auf die Schriftsprache ist im Vorschulalter individuell sehr unterschiedlich. Die allermeisten Kinder haben die ersten beiden Phasen bereits durchlaufen; einige können schon Buchstaben erkennen und benennen, ihren Namen oder andere einfache Wörter schreiben oder schon etwas lesen. Daher ist die Kenntnis des korrekten frühpädagogischen Umgangs mit Buchstaben von Bedeutung.
Umgang mit Kindern, die Buchstaben selbst benennen
Manche Kinder benennen die Buchstaben selbst so, wie sie heißen und nicht wie sie klingen. Vielfach haben sie dies von ihren Eltern, älteren Geschwistern oder anderen Bezugspersonen übernommen. Zum Beispiel zeigt der Junge Ben auf die Buchstaben seines Namens an der Garderobe und sagt: „Bee-E-Enn“.
Dies ist nicht grundsätzlich fehlerhaft; eine sofortige Korrektur ist nicht erforderlich. Auch bei diesen Kindern kann zwischen und Buchstabenklang unterschieden werden: „Das ist ein ‚B‘ und das hat den Namen ‚Bee‘… das ist ein ‚N‘ und das hat den Namen ‚Enn‘.“ So erfährt das Kind Bestätigung bezüglich seiner Vorerfahrungen und lernt gleichzeitig die Verbindung zwischen Schriftzeichen und Sprachlaut kennen.
Ein Beispiel: Ein Kind (5;7) hat seinen Namen (Tim) geschrieben und zeigt dies einer Fachkraft.
- Fachkraft: „Du hast ja deinen Namen geschrieben.“ (Die Buchstaben werden lautiert.) „t (zeigt auf das T), i (zeigt auf das I) und m (zeigt auf das M).“
- Kind: „Papa sagt, das ist ein Tee.“ (Kind zeigt auf das T.)
- Fachkraft: „Ja, das ist ein t (lautiert) und das t hat den Namen Tee.“
- Das Kind zeigt auf das T und sagt: „t“ (lautiert).
Zusammenfassung
Der Schriftspracherwerb verläuft in vier aufeinanderfolgenden – wenn auch überlappenden – Phasen:
- Präliteral-symbolische Phase: Kinder entdecken die Funktionen der Schriftsprache und probieren sie im So-tun-als-ob-Schreiben und -Lesen aus.
- Logographemische Phase: Einsicht in die Symbolhaftigkeit von Schrift; Erkennen einzelner Buchstaben mit Symbolcharakter, Erkennen von Wortbildern (Ganzwortlesen), Notieren einzelner Buchstaben oder Wörter aus dem Gedächtnis.
- Alphabetische Phase: Einsicht in die Beziehung von Schrift zu Laut; phonetische bzw. lautgetreue Schreibweise (Tiga, Muta …).
- Orthografische Phase: Erkennen der Regelhaftigkeit von Schriftsprache und Berücksichtigung orthografischer Regeln (aus Tiga wird Tiger, aus Muta wird Mutter).
Da die meisten Kinder die ersten beiden Phasen bereits vor Schuleintritt abgeschlossen haben und in der Grundschule bei der alphabetischen Phase angesetzt wird, ergibt sich für die Sprachbildung im Elementarbereich eine klare Ausrichtung: Buchstaben werden im pädagogischen Alltag so benannt, wie sie klingen, und nicht nach ihren Namen. So wird die Verbindung zwischen Buchstaben und Sprachlauten unterstützt und der spätere Schriftspracherwerb in der Grundschule methodisch vorbereitet.
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