Frühe Sprachentwicklung & U3 4 Min. Lesezeit

Sprachbildungsstrategie „Blickkontakt“

Warum sprechen Menschen – und Tiere nicht? Tiere kommunizieren miteinander, aber sie beherrschen keine Sprache im linguistischen Sinn. Die stammesgeschichtliche Entwicklung der menschlichen Sprache über die letzten 100.000 Jahre und deren Weitergabe über Generationen hinweg kennzeichnen den grundlegenden Unterschied zur tierischen Kommunikation. Frühe kindliche Kompetenzen wie der frühzeitige Dialogaufbau, komplexe grammatikalische Strukturen und ein von mehreren tausend Wörtern im Vorschulalter verdeutlichen spezifisch menschliche Spracherwerbsfähigkeiten, die bei Tieren nicht zu beobachten sind. Diese Fragestellung untersuchte der US-amerikanische Anthropologe Michael Tomasello.

Von Udo Elfert
Inhalt0%

Nicht das Gehirn und nicht die Lautvielfalt sind entscheidend

Früher wurde angenommen, dass Tiere keine komplexe Sprache entwickeln können, da entweder ihre Gehirnkapazitäten nicht ausreichten oder sie nicht in der Lage seien, eine ausreichende Anzahl an Signallauten zu produzieren.

Untersuchungen zeigen jedoch, dass tierische Gehirne über ausreichende Verarbeitungskapazitäten verfügen und zahlreiche Signale als Laute nutzen könnten. Beispiele hierfür sind Rabenvögel oder Papageien, bei denen jedoch keine dialogischen Interaktionsstrukturen oder narrative Gruppenkommunikation auftreten.

Zwei grundlegende Kompetenzen: Blickkontakt und Zeigegeste

Nach Michael Tomasello beruht die Entwicklung von Sprache auf zwei basalen Fähigkeiten, die beim Menschen vorhanden sind und bei Tieren in der Regel fehlen. In Kombination bilden diese beiden Kompetenzen die Grundlage für die Sprachentwicklung im linguistischen Sinn:

  • der und
  • die

In der kindlichen Entwicklung bilden diese nonverbalen Komponenten die initialen Interaktionsformen: Das Herstellen und Halten von Blickkontakt stellt die früheste nonverbale Kompetenz dar, gefolgt von der Zeigegeste.

Da Tiere weder längeren Blickkontakt aufrechterhalten noch Zeigegesten folgen können, gelten Blickkontakt und Zeigegeste nach Tomasello als phylogenetische und ontogenetische Voraussetzungen des Spracherwerbs.

Der trianguläre Blickkontakt

Diese basalen Kommunikationskompetenzen – die Nutzung und Aufrechterhaltung von Blickkontakt sowie der Einsatz von Zeigegesten – münden in der menschlichen Kommunikation im .

Ein triangulärer Blickkontakt liegt vor, wenn der eines Kindes (oder einer Person) zwischen einem und einer Bezugsperson wechselt. Durch den Blickkontakt zum Gesprächspartner verweist das Kind auf das Objekt. Dabei erwartet das Kind von der Bezugsperson eine , also eine Reaktion auf das eigene Verhalten. Diese Reaktion kann nonverbal, lautlich oder verbal erfolgen.

Beispiel

In einer Situation mit einem Kind, einem Objekt (etwa einem Ball oder einer Puppe) und einer Bezugsperson wechselt der Blick des einjährigen Kindes zwischen Objekt und Bezugsperson. Hierbei entsteht eine dreiseitige Beziehungsstruktur zwischen Kind, Objekt und Bezugsperson, die als triangulärer Blickkontakt bezeichnet wird.

Der trianguläre Blickkontakt eines Kindes dient als kommunikative Aufforderung an die Bezugsperson, eine Response zu geben, also auf das Kind bzw. das Objekt zu reagieren. Begleitet wird dieser Blick häufig durch eine Zeigegeste und den sprachlichen Ausdruck „Da!“.

Der trianguläre Blickkontakt stellt somit eine für den Spracherwerb basale und notwendige Kompetenz dar.

Bedeutung für die alltagsintegrierte Sprachbildung

Der Blickkontakt bildet eine notwendige Voraussetzung für den Spracherwerb: Ohne Kontaktaufnahme und Blickkontakt sind weder eine Response noch ein triangulärer Blickkontakt realisierbar.

Für die ergeben sich daraus folgende Handlungsanforderungen:

  • Aufnahme und Aufrechterhaltung von Blickkontakt,
  • Bereitstellung von Zeit zur Kontaktaufnahme für alle Beteiligten,
  • Einsatz zugewandter zur Unterstützung der Kontaktaufnahme,
  • Wahrnehmung und Nutzung des triangulären Blickkontakts des Kindes,
  • Abgabe einer positiven Response.

Beispiel

Ein Kind (1;6 Jahre) und eine erwachsene Person befinden sich in einem Raum mit einem Ball auf dem Boden. Das Kind blickt abwechselnd auf den Ball und zu der erwachsenen Person. Diese registriert den triangulären Blickkontakt, stellt Blickkontakt her und zeigt eine zugewandte Mimik. Als Response auf den Blickkontakt verbalisiert die erwachsene Person die Situation: „Da liegt ja ein Ball! Was für ein schöner Ball. Möchtest du gerne den Ball haben?“ (unter dreimaliger Wiederholung des Wortes „Ball“). Das Kind wiederholt den triangulären Blickkontakt in Kombination mit einer Zeigegeste auf das Objekt und äußert: „Da, Ba(ll).“

Literatur

Tomasello, Michael: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. 3. Auflage (2009). Berlin: Suhrkamp Verlag.

---