Frühe Sprachentwicklung & U3 6 Min. Lesezeit

Taktil-kinästhetische Wahrnehmung im frühen Lallen

Wenn ein Säugling von drei bis vier Monaten mit weit geöffnetem Mund gurrt, mit der Zunge schmatzt oder lange Vokalreihen lallt, wird mehr als bloßer Zeitvertreib sichtbar. Frühes Lallen ist ein aktiver Erkundungsprozess, in dem der eigene Körper als Sprachinstrument kennengelernt wird. Es wird gespürt, wie Lippen vibrieren, wie die Zunge verschiedene Positionen einnimmt und wie der Luftstrom aus Mund und Nase entweicht. Diese frühkindliche Phase, in der Fachsprache als bezeichnet und in der Regel zwischen dem dritten und sechsten Lebensmonat liegend, dient primär der taktil-kinästhetischen Erprobung des Artikulationsapparates. Unter wird das Zusammenwirken von Berührung und Bewegung verstanden, das Wahrnehmen von Druck, Lage und Bewegungsabläufen über Rezeptoren in Muskeln, Sehnen, Gelenken und Haut. Bezogen auf das frühe Lallen bedeutet dies: Artikulationsbewegungen werden von innen erspürt, lange bevor das Hören als steuernde Kraft in den Vordergrund tritt. Für pädagogische Fachkräfte im Krippenbereich und für Kindertagespflegepersonen ist ein genaues Verständnis dieses Zusammenhangs bedeutsam. Es erklärt, warum frühes Lallen vielfältig und scheinbar regellos klingt, unabhängig vom sprachlichen Umfeld entsteht und eine spezifische Begleitung erfordert.

Von Udo Elfert
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Der Artikulationsapparat als Entdeckungsfeld

Der Artikulationsapparat umfasst alle am Sprechen beteiligten anatomischen Strukturen: Lippen, Zunge, Zähne, Gaumen, Kiefer, Rachen und die beteiligten Muskelgruppen. Im ersten Lebenshalbjahr befindet sich dieser Apparat in einem frühen Reifungsprozess. Das Neugeborene saugt, schluckt, schreit. Mit dem dritten Monat wachsen die motorischen Möglichkeiten; die Nutzung zeigt Parallelen zum spielerischen Erkunden mit den Händen.

Die in dieser Phase entstehenden Laute sind keine zufälligen Geräusche. Es werden Laute aus dem gesamten Spektrum menschlicher produziert: Vokale und Konsonanten, Kehllaute, Lippenlaute, Gaumenlaute. Bemerkenswert ist, dass Säuglinge in der ersten Lallphase Laute erzeugen, die in der Umgebungssprache der Familie nicht vorkommen. Ein Kind in deutschsprachiger Umgebung lallt in dieser Phase beispielsweise auch klickartige Konsonanten, wie sie in bestimmten Sprachen Südafrikas auftreten, oder Kehllaute aus dem Arabischen. Antreibend ist das taktile Erleben dieser Bewegungen, nicht das Imitieren gehörter Muster.

Universalität des frühen Lallens

Dass Säuglinge in der ersten Lallphase nicht sprachspezifisch lallen, ist pädagogisch bedeutsam. Es weist darauf hin, dass die taktil-kinästhetische Selbsterprobung von außersprachlichen Einflüssen unabhängig ist. Die Qualität des sprachlichen Umfelds beeinflusst diese Phase kaum, weil der steuernde Sinn, das Hören, noch eine nachgeordnete Rolle spielt.

Besonders deutlich wird dies bei Kindern, die mit einer Hörbeeinträchtigung zur Welt kommen: Auch sie durchlaufen die erste Lallphase in vergleichbarer Weise und produzieren eine ähnliche Lautvielfalt. Erst der Übergang zur zweiten Lallphase, in der Regel ab dem sechsten Monat, in der gehörte Muster der Umgebungssprache zunehmend imitiert werden, macht einen Unterschied sichtbar. Bleibt der Hörsinn als Rückkoppelungskanal aus, verändert sich das Lallen in der zweiten Phase spürbar. Diese kann an Eltern weitergegeben werden, die sich nach der Altersentsprechung des Lallens erkundigen. Die Einschätzung, ob eine Entwicklung medizinisch abzuklären ist, liegt ausschließlich bei einer medizinischen Fachperson oder einer logopädischen Fachkraft.

Was das Kind beim Lallen spürt

Die taktil-kinästhetische Wahrnehmung läuft im Lallen auf mehreren Ebenen gleichzeitig ab. Propriozeptiv, also über die Tiefensensibilität der Muskeln und Gelenke, wird registriert, wie weit der Kiefer geöffnet ist. Der Zungenkontakt am Gaumen, der Druckunterschied bei geschlossenen und geöffneten Lippen sowie die Vibration beim Nasallaut werden gespürt. Jede dieser Empfindungen verbindet sich mit dem akustischen Ergebnis, das zugleich gehört wird.

Diese Kopplung von Bewegungsgefühl und Klang bildet den Kern dessen, was mit „motorischer Sprachgrundlage" bezeichnet wird: Zuerst werden Laute erzeugt und dabei Zusammenhänge zwischen Bewegung und Klang erlebt, nicht primär Laute imitiert. Pädagogisch ausgedrückt: und Spracherleben gehören von Beginn an zusammen. Dies spiegelt sich in der Gestaltung früher Sprachbildungsmomente wider.

Sprachbildung im Krippenalltag: Rückmeldung geben, die passt

Beim Lallen wird häufig gleichzeitig gesucht. Es wird, mitunter kaum wahrnehmbar, auf eine Reaktion gewartet. Der Ansatzpunkt für liegt in der bewussten, zeitnahen auf die Lautäußerungen des Kindes.

Die Response, also die sprachliche oder stimmliche Rückmeldung der pädagogischen Fachkraft auf eine kindliche Äußerung, hat in dieser Phase eine eigene Qualität. Sie ist kein sprachliches Korrektiv und kein Modell im klassischen Sinne. Mit ihr wird angezeigt: Die Äußerung wird wahrgenommen, sie bewirkt etwas, ein Dialog entsteht. Eine prosodisch reiche, melodiöse Sprechweise, in der Fachsprache als oder bezeichnet, unterstützt die Aufmerksamkeit des Kindes und hebt kommunikativ bedeutsame Elemente hervor.

Konkret könnte das so aussehen:

  • Das Kind lallt eine lange Vokalreihe. Die pädagogische Fachkraft nimmt auf Augenhöhe Blickkontakt auf, wartet kurz ab und antwortet mit einer ähnlichen Lautfolge in ruhigem, melodischem Ton.
  • Das Kind verstummt und beobachtet die Mundpartie der Fachkraft. Die Fachkraft hält inne, gibt Zeit und wiederholt die Lautfolge, wenn das Kind erneut antwortet.
  • Körperkontakt, zum Beispiel das ruhige Halten des Kindes, kann den Dialog stützen, weil das Kind auch taktil in Kontakt mit der Stimmvibration der Fachkraft ist.

Diese Momente benötigen kein besonderes Material und kein Programm. Sie entstehen beim Wickeln, beim Füttern, beim ruhigen Beisammensein. Kennzeichnend sind aufmerksames und Interesse an dem, was das Kind zum Ausdruck bringt.

Beobachten, ohne zu diagnostizieren

Pädagogische Fachkräfte sind keine Diagnostikerinnen oder , aber aufmerksame Beobachtende. Im Krippenalltag ergeben sich viele Situationen, in denen festgestellt wird, ob ein Kind zwischen dem dritten und sechsten Monat lautlich aktiv ist, auf Stimmreize reagiert und beim Lallen Blickkontakt sucht.

Solche Beobachtungen sind bedeutsam, weil sie im Gespräch mit Eltern oder in der festgehalten werden können. Sie sind stets als pädagogische Wahrnehmung einzuordnen, nicht als Aussage über eine mögliche Entwicklungsauffälligkeit. Ergeben sich im Gespräch Fragen, die über den pädagogischen Rahmen hinausgehen, erfolgt die Weiterverweisung an eine medizinische Fachperson oder eine logopädische Fachkraft.

Wie verändert sich die Wahrnehmung des frühen Lallens, wenn es weniger als Geräusch und mehr als eine Erkundungsbewegung des Körpers betrachtet wird? Und welche Konsequenz ergäbe sich daraus für die Momente der Begegnung mit einem Säugling im Krippenalltag?